22.01.2013 | Gute Bücher in den hinteren Reihen

Veranstaltungsreihe in der Kapelle der Garnisonkirche gedenkt der Bücherverbrennung vor 80 Jahren   Ein Potsdamer Bekannter erzählte dem Dichter Reinhold Schneider, der in

Ein Potsdamer Bekannter erzählte dem Dichter Reinhold Schneider, der in den 30er Jahren in der Birkenstraße wohnte, dass sein Buchhändler am Wilhelmsplatz immer auf die Leiter steigen müsse, um gute Literatur aus den hinteren Reihen zu holen. Auf den Tischen und in den unteren Regalen war sie nicht mehr zu finden. Der Buchhändler hatte aus Angst vor Repressalien Romane und Schriften beispielsweise von Thomas und Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Sigmund Freud, Erich Kästner oder Heinrich Heine in die hinteren Reihen und nach oben verbannt. Nur für ihn politisch verlässlichen Kunden, denen die neue Macht der Nationalsozialisten ein Gräuel war, bot er sie auf Anfrage an. Angst ging bei denjenigen Potsdamern um, die bereits ahnten, was das aktuelle Motto der Nazis „Wider den undeutschen Geist“ anrichten würde.

Von Heinrich Heine stammt der Satz „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“. 1821 ließ der Dichter einen spanischen Moslem diesen Satz auf die Nachricht antworten, dass der katholische Kardinal in Granada den Koran in die Flammen warf. Die nationalsozialistische Herrschaft hat Heines Prophezeiung – sie stammt aus seinem ersten Werk, der Tragödie „Almansor“ – in grausiger Weise umgesetzt. Am 10. Mai 1933, nicht einmal vier Monate nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, brannten in Deutschland die Bücherhaufen in deutschen Universitätsstädten, angestiftet von Studentenbewegungen, später Leichenberge in den Vernichtungslagern. 80 Jahre ist es her, dass die Bücherverbrennung einen verheerenden geistigen Schaden für und in Deutschland, also im Land Goethes und Schillers, anrichtete.

In der Kapelle der Garnisonkirche wird nicht nur an die fatale Reichstagseröffnung am 21. März 1933 durch Hindenburg und Hitler erinnert, sondern auch an die demonstrative Zerstörung von Büchern. Vier Veranstaltungen unter dem Titel „Bücher – verboten, verbrannt, vergessen?!“ hat Pfarrerin Juliane Rumpel für die Zeit vom 27. Februar bis 24. April vorbereitet. Texte von Autoren werden gelesen, die verschiedenen politischen und weltanschaulichen Richtungen angehörten, so von Anna Seghers („Der Aufstand der Fischer von St. Barbara“), Gedichte von Bertolt Brecht, Else Lasker-Schüler und Mascha Káleko, Essays und Zeitberichte von Kurt Tucholsky, Irmgard Keun oder Alfred Kerr. Auch Reinhold Schneiders Novelle „Der Tröster“ über den Jesuitenpater Friedrich von Spee, der ein Gegner von Hexenverbrennungen im Dreißigjährigen Krieg war, wird gelesen. Schneider schrieb seinen Text in der Birkenstraße, nachdem er erstmals über die Existenz von Konzentrationslagern erfuhr. Mit Musik unter anderen von Arnold Schönberg oder Paul Hindemith erklingen Werke, die ebenfalls den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge waren und verboten wurden.

Bücherverbrennungen fanden fast nur in deutschen Hochschulstädten am 10. Mai 1933 statt, aber auch noch Tage danach. Insgesamt zählte man mehr als 70 solcher Aktionen. Auf dem Berliner Opernplatz gab es den Auftakt, der eine Ausstrahlung auf die Deutschen ausüben sollte. An ihm nahm Propagandaminister Goebbels teil. Studenten und Professoren holten aus der am Platz liegenden Alten Bibliothek der Universität über 20 000 Bücher. Der Studentenführer Herbert Gutjahr beendete seine Rede mit den Worten: „Wir haben unser Handeln gegen den undeutschen Geist gewendet. Ich übergebe alles Undeutsche dem Feuer!“ Anschließend wurden unter großem Gejohle der Studenten und der übrigen Anwesenden die Bücher von einer Menschenkette weitergereicht, an deren Ende die Bücher des „undeutschen Geistes“ – insgesamt von 94 Autoren – ins Feuer geworfen wurden.

In Potsdam fand glücklicherweise keine öffentliche Bücherverbrennung statt, doch versuchten die Nationalsozialisten den konservativen Hohenzollern-Geist mit der Zeit immer mehr an die Wand zu drücken. Sie sahen ihn eher als eine störende Bewegung an. Harald von Koenigswald, der in Bornim lebende Dichter, schrieb 1933, dass sich am „Tag von Potsdam“ in „feierlicher Verpflichtung ein neuer politischer Wille vor dem ehrwürdigen Zeugen einer ruhmreichen Vergangenheit verneigte, um dann gemeinsam am Sarge Friedrichs des Großen zu huldigen, ist Potsdam eingeflochten in den Lauf der großen politischen Geschichte.“ Ein paar Jahre später, als er sah, wohin solch ein Nichtwahrhabenwollen führte, ging auch Harald von Koenigswald in die innere Emigration, wie so mancher Potsdamer Geisteswissenschaftler und Schriftsteller. Des Dichters Bücher durften weiterhin erscheinen. Auch andere Autoren haben sich in Potsdam während der Nazi-Zeit politisch durchgeschlängelt. Beispielsweise Eugen Diesel, der auf dem Krongut lebte, oder Bernhard Kellermann, Mitglied der Preußischen Dichterakademie war, doch trotz Unterzeichnens einer Loyalitätserklärung zum NS-Regime ausgeschlossen wurde.

Es gab Verlage, die in Potsdam Bücher bedeutender Autoren edierten, so der von Gustav Kiepenheuer, der bereits nach zehn Jahren 1928 Potsdam verließ. Das Archiv, das sich damals noch in der Victoriastraße (Geschwister-Scholl-Straße) befand, mit zum Teil wertvollen Büchern, wurde von der Gestapo Anfang 1933 beschlagnahmt und vernichtet. Einer der bekannten Potsdamer Buch- und Kunsthändler war auch der kritische Karl Heidkamp, der ebenfalls Bücher schrieb. Potsdam und die Kunstgeschichte waren sein bevorzugtes Thema. Aus dem Verlag Athenaion, in dem er angestellt war, wurde er kurz nach der Machtergreifung Hitlers geworfen. Arbeitsmöglichkeiten gab es für ihn kaum noch.

Man hat zwar in Potsdam keine Bücher verbrannt, aber auch hier setzte man alles dran, um ihren aufklärenden Geist zu vernichten. (PNN vom 22.01.2013, von Klaus Büstrin)

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