13.02.2013 | Gedanken zum Gedenken – Leserbrief von Sigrid Grabner

In der Vorwoche haben wir den Umgang der Stadt Potsdam mit dem 80. Jahrestag des als „Tag von Potsdam“ in die Geschichte eingegangenen 21. März 1933 thematisiert und gefordert

In der Vorwoche haben wir den Umgang der Stadt Potsdam mit dem 80. Jahrestag des als „Tag von Potsdam“ in die Geschichte eingegangenen 21. März 1933 thematisiert und gefordert: „Diesen 80. muss diese Stadt zu ihrem machen, zu einem des alten und des neuen Potsdam. Ehrlich gegenüber der Geschichte, demütig im Auftritt, aber auch selbstbewusst im Blick auf die Aufarbeitungsleistung.“ Darauf schrieb uns die Potsdamer Schriftstellerin Sigrid Grabner.

In Potsdam herrscht Gerangel über das Gedenken an den 21. März 1933. An diesem Tag fand in der Garnisonkirche die feierliche Eröffnung des neu gewählten Reichstags statt, von Joseph Goebbels als „Potsdamer Rührkomödie“ inszeniert. Die Folgen dieses „Tages von Potsdam“, der nicht in Potsdam seinen Anfang nahm, sind bekannt. Er hat unzähligen Menschen das Leben, die Heimat, den Besitz gekostet. Keiner von jenen, die damals dem Spektakel zujubelten, ahnte, was auf ihn zukommen würde.

Ich bin fast zehn Jahre nach diesem Ereignis in Böhmen geboren. Von der Jubelfeier in Potsdam nahmen meine Eltern, tschechische Staatsbürger, dort nichts wahr. Von Hitler und dem „Reich“ hielten sie nichts, aber sie mussten die Zeche auf grausame Weise mit dem Verlust von Heimat bezahlen.

Mein Mann stand als 22-jähriger 1934 in Leipzig wegen Widerstands gegen den Nationalsozialismus vor Gericht. Er gehörte einer illegalen Zelle an und hatte das Braunbuch über den Reichstagsbrand unter die Leute gebracht. Er wurde zu vier Jahren Zuchthaus Waldheim verurteilt, kam von dort aus ins Konzentrationslager Buchenwald und anschließend ins Strafbattaillon 999. Als der Krieg zu Ende war, war er 34. Die Hoffnungen auf ein demokratisches Deutschland zerschlugen sich bald. Seinem Einsatz für den Wiederaufbau des Landes folgten Parteistrafen, Arbeitslosigkeit, erneute Ächtung, Stasi-Überwachung. So lernte ich ihn kennen. Von ihm erfuhr ich, wie es in Zuchthaus, Lager und Krieg zugegangen war, erfuhr von vielen wunderbaren Menschen, die mit ihm gekämpft und gelitten hatten – Pfarrer Schneider, der jüdische Schriftsteller Heinrich Stein, Metallarbeiter, Redakteure – und die das Naziregime nicht überlebt hatten.

Bei den vielen Gedenkfeiern in der DDR wunderte er sich oft über Gedenk-Experten, die ihm beibringen wollten, wie es in der Hitlerdiktatur wirklich zugegangen war. Als Zeitzeuge war er nicht geeignet, denn er nahm sehr wohl war, dass es bei den Gedenken nicht wirklich um die Kämpfer gegen den Nationalsozialismus ging und schon gar nicht um die wehrlosen Opfer, sondern um die Selbstbeweihräucherung der Regierenden. Das verstimmte ihn nicht nur, es schmerzte ihn um der toten Kameraden willen.

Nun ist er seit 37 Jahren tot, gestorben am Herzinfarkt beim achten Parteiverfahren gegen ihn.

Ich kann nicht anders, als mit seinen Augen auf dieses Gerangel zum Gedenkjahr 1933 zu schauen. Er würde fragen, warum man Hitler eine so große öffentliche Bühne einräumt. Nicht wie sonst wurde im Bundestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gedacht, sondern stattdessen der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar. Die ergreifende Rede von Inge Deutschkron ging geradezu unter in den Bildern, Tondokumenten, Filmen der Nazipropaganda vom Marsch durchs Brandenburger Tor, mit denen uns die Medien rund um diesen Tag versorgten. Und es geht weiter so mit Fotos von Hitler, Hindenburg, Goebbels in diesem Gedenkjahr des Triumphzuges der Nazi-Verbrecherbande. Die volkspädagogische Absicht der Macher will ich gern unterstellen, allein sie läuft bestenfalls ins Leere. Mich widert es jedenfalls an, immer wieder die großen Stunden des Nationalsozialismus vorgeführt zu bekommen, immer wieder Hitler, Hindenburg, Goebbels… Sie überlagern mit ihren Posen und ihrer Großmäuligkeit den Widerstand der Tapferen, die Klagen der Wehrlosen, das Leid der aus Deutschland Vertriebenen und verdunkeln deren Botschaft für uns Heutige. Ihrer sollten wir gedenken, ihnen Gesicht und Stimme geben. Dazu gibt es genügend andere Anlässe: die Befreiung der Konzentrationslager, Kriegsbeginn und Kriegsende …

Dass die Stadt Potsdam offenbar ursprünglich keinen gesonderten Gedenk-Plan für den 21. März erstellt hatte, fand ich durchaus einsichtig. Es gibt keinen Grund für die Stadt, sich an diesem Tag bundesweit in Szene zu setzen. (PNN vom 13.02.2013, von Sigrid Grabner)

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