16.04.2011 | Es müssen Zeichen gesetzt werden – Wilhelm Stintzing über die Garnisonkirche als Stadt- und Universitätskirche und Denkort für die Zukunft

Herr Stintzing, warum sollte die heutige Generation die Potsdamer Garnisonkirche wieder aufbauen? Ich will es an einem Beispiel sagen. Gestern hörte ich von dem Fall einer Frau in einem Pflegeheim. Sie kommt zum Pfarrer und sagt: „Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.“ Sie hat plötzlich ihr Gedächtnis verloren. Der Pfarrer schlug ihr vor, sich

Herr Stintzing, warum sollte die heutige Generation die Potsdamer Garnisonkirche wieder aufbauen?

Ich will es an einem Beispiel sagen. Gestern hörte ich von dem Fall einer Frau in einem Pflegeheim. Sie kommt zum Pfarrer und sagt: „Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.“ Sie hat plötzlich ihr Gedächtnis verloren. Der Pfarrer schlug ihr vor, sich von ihren Verwandten eine Gedächtnis- oder Erinnerungskiste geben zu lassen. Mit Dingen darin, die früher in ihrem Leben eine Rolle gespielt hatten. Anhand dieser Gegenstände dämmert es wieder und die Frau kann von sich erzählen.

Sie sehen in der Garnisonkirche ein Stück aus der Potsdamer Erinnerungskiste?

Ja, es ist ein Stück der Stadt Potsdam, vielleicht das bekannteste Bauwerk. Die Garnisonkirche hat so viel Geschichte erlebt, dass mit ihr, so hoffe ich, wieder viel Geschichte lebendig wird und erzählt werden kann. Gebraucht wird sie allerdings auch für die Zukunft.

Aber ein Teil der Geschichte der Kirche ist auch, dass sie bombardiert und später gesprengt wurde, dass es sie nicht mehr gibt. Muss man das nicht auch respektieren?

Auch hinter der Sprengung stand sehr viel weltanschaulicher Hass. Sie ist auch in dieser Beziehung ein lebendiges Zeugnis, wenn sie wieder aufgebaut wird.

Wenn die Garnisonkirche wieder steht, würden sich die Geister an ihr scheiden und sie würde zu Diskussionen führen.

Sie erzählt aus verschiedenen Jahrhunderten, was sie erlebt hat, welche Impulse von ihr ausgegangen sind. Ein gutes Stück dessen, was man im besten Sinn Preußentum nennt, ist von ihr ausgegangen. Denken Sie allein an das Glockenspiel. Dieses „Üb” immer Treu und Redlichkeit“ war eines der Grundprinzipien, mit denen Potsdam groß geworden ist.

Kritiker der Garnisonkirche verbinden diesen Bau mit dem „Tag von Potsdam“, der Ouvertüre für das schlimmste Kapitel der deutschen Geschichte.

Der „Tag von Potsdam“ sind in der Geschichte dieser Kirche, die Jahrhunderte alt ist, eineinhalb Stunden. Und Hindenburg hat dafür gesorgt, dass in der Kirche nichts Unwürdiges gesagt wird. Auch wenn man der kurzen Rede Hitlers anmerkt, dass er kein Christ war. Das Wesentliche ist vor der Kirche geschehen – Aufmärsche des Militärs, der SA, des Stahlhelms. Und viele Leute, die gehofft haben, dass jetzt etwas Neues passiert.

Sie waren an diesem Tag in Potsdam und haben das mitverfolgt?

Ja. Wenn Sie heute das Filmmuseum nehmen, da ist auf der Westseite eine Schmiede gewesen, eine Hufschmiede. Neben dieser Hufschmiede habe ich gestanden. Damit habe ich natürlich das, was in der Garnisonkirche passierte, nicht mitbekommen. Was in der Breiten Straße geschah, habe ich nur über die vielen, vielen Köpfe hinweg gesehen. Aber man spürte die Atmosphäre – die Leute hofften, es könnte etwas Neues geben.

Eine Hoffnung, die auf die erdenklich bitterste Weise enttäuscht werden sollte. Eine Hoffnung, die in die vollständige humanistische Katastrophe führte. Der Holocaust, Millionen Tote, zerstörte Städte.

Ja natürlich. Heute, im Nachhinein, sehen manche Dinge sehr, sehr anders aus. Damals waren die Menschen durch den Vertrag von Versailles sehr gedemütigt. Und dann die hohe Arbeitslosigkeit. Den Leuten schien es so zu sein, als wenn da plötzlich wieder Luft kommt. Dass Hitler der große Verbrecher war, haben die meisten erst ganz zum Schluss mitgekriegt. Viele dachten, es sei die SS, die Partei. Alle Möglichen nahm man als Schuldige, wenn etwas schief ging. Es hieß immer: „Wenn Hitler das wüsste …“ Und dann kam das große Erschrecken: Der Mann ist es selber gewesen.

Vernichtungsbefehle, etwa bei der Behindertenmord-Aktion „T4“, sind von Hitler persönlich unterzeichnet worden. Hitler war die Spitze und der Antrieb des Bösen.

Ja, das war er.

Es gab auch schon 1933 Hitler-Kritiker.

Oh ja. Aber sie kamen mit der Kritik nicht nach außen. Die Presse wurde damals schon vollständig von Goebbels dirigiert. Sie brachten nur Positives. Ständig wurde der „Geist von Potsdam“ berufen – obwohl eigentlich niemand genau sagen konnte, was der „Geist von Potsdam“ ist.

Ich glaube, ich verstehe Ihre Perspektive als eine Erinnerung an eine glückliche Vorkriegszeit. Aber muss die Garnisonkirche nicht aus einer heutigen, wissenden Perspektive aufgebaut werden?

Richtig. Wissend, dass die Garnisonkirche mehr ist als diese eineinhalb Stunden 1933. Nehmen Sie die Toleranz, die von Potsdam aus zur Zeit des Großen Kurfürsten ganz bewusst betrieben wurde. In einer Zeit, in der überall Menschen aus Glaubensgründen verfolgt wurden, war Potsdam und Brandenburg der Ort, wohin sie fliehen konnten.

Kann man das der erst Jahrzehnte nach dem Toleranz-Edikt von Potsdam 1685 erbauten Garnisonkirche zu Gute halten?

Sie verkörperte, was man Brandenburg-Preußen nennt.

Wir erinnern uns in dieser Woche der Bombardierung Potsdams vor 66 Jahren. Müssen wir die Zerstörung der Potsdamer Mitte nicht als notwendige, gar gerechte Folge dessen respektieren, was von Hitler und dem „Tag von Potsdam“ ausging?

Wenn Sie so rechnen, dann können Sie die ganze Geschichte mit Hass und Gegenhass erzählen. Das, was in Potsdam passierte, war Hass. Es stand ein Zug mit Munition im Hauptbahnhof – dafür braucht man nicht 700 Bombenflugzeuge. Hier hat man in 20 Minuten einfach die Geschichte einer Stadt ausgelöscht. Als ich 1945 nach Potsdam kam, stand ich auf dem Platz der Einheit. Wenn Sie heute da stehen, sehen Sie kaum ein Haus mit einer alten Fassade. Ich stand im Zentrum der Stadt und es war alles zerstört. Ich hatte das Gefühl: Die haben mich rausgeschmissen. Das ist nicht mehr meine Stadt.

Sie sagen, es ist legitim, die alten Stadtkonturen wieder auferstehen zu lassen?

Ja, sie sind solch eine Erinnerungskiste.

Aber in dieser Kiste müssen auch Stücke drin sein, die an den Nationalsozialismus und den Krieg erinnern.

Wenn nichts dasteht, entsteht auch daran keine Erinnerung. Die Menschen haben sich entschieden, die Garnisonkirche wieder aufzubauen und da finde ich, sie braucht auch eine Aufgabe für die Zukunft.

Was schlagen Sie vor?

Ich finde, wir brauchen eine Kirche für die Studenten, für die Universität, die Filmhochschule und die Fachhochschule. Viele alte Universitätsstädte haben eine Universitätskirche. Potsdam ist nun eine junge Universitätsstadt, aber sie braucht auch eine Universitätskirche. Denn Wissen und Gewissen gehören zusammen. Auch das Gewissen von Atheisten ist in Europa im Grunde ein christliches.

Die Garnisonkirche als Universitätskirche. Das hat noch keiner vorgeschlagen; das müsste man diskutieren in der Stadt.

Ich bin selber Studentenpfarrer in Potsdam gewesen. Es gab einen Schauprozess gegen die Studentengemeinde und das gehört zum Schlimmsten, was ich überhaupt erlebt habe in der DDR. Heute ist es anders, man kann sich frei entwickeln. Bei den vielen akademischen Ausbildungsstätten, die wir haben in Potsdam, ist es wichtig, dass wir eine Universitätskirche haben, die Geschichte hat. An der man genau sehen kann, was in der Geschichte alles schief gehen kann. Aber es gibt noch etwas: Sehen Sie hier das Foto meines Urenkels. Diese neue Generation, die voller Vertrauen und lachend in die Welt hineinguckt – was soll aus ihr werden? Wir Älteren machen uns sehr viele Gedanken. Es gibt schon jetzt sieben Milliarden Menschen auf der Welt, die Mühe haben, ernährt zu werden. Was wird werden? Da kommen Probleme auf uns zu. Oder denken Sie an die Begegnung von Christen, Atheisten und Muslimen – das wird uns noch sehr viel beschäftigen. Oder die Frage der Rohstoffe: Wir verbrauchen sie, aber was bleibt für die, die nach uns kommen? Es muss Menschen geben, die über diese Fragen nachdenken – unabhängig von der Politik, die nur über vier oder acht Jahre denken kann. Unabhängig von der Wirtschaft, die natürlich sofort verdienen will. Ich stelle mir vor, dass die Garnisonkirche wieder etwas aufnimmt, was im Mittelalter die Rolle des Glöckners war, der die Menschen warnte, wenn irgendwo ein Brand loderte oder ein Feind nahte.

Der Glöckner als Metapher für eine Institution, die die Zukunft sieht?

Ja.

So eine Art „Club of Potsdam“, ähnlich des „Club of Rome“, der über die Zukunft der Menschheit nachdenkt und mit seinem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ weltweit bekannt wurde?

Ja, so etwas schwebt mir vor. Kürzlich sah ich im Fernsehen eine Sendung über Nachhaltigkeit. Der Vortragende sagte: So, jetzt klatschen sie alle bei drei in die Hände – eins, zwei, drei – und dann schnippste er mit den Fingern. Die Leute haben nicht bei drei geklatscht, sondern erst, als er mit den Fingern schnippste. Sie haben alle gewartet bis zum Zeichen. Der Mann sagte dann: Worte alleine schaffen es nicht. Es müssen Zeichen gesetzt werden.

Zum Schluss: Sie haben fünf deutsche Regierungen erlebt. Was für ein Resümee ziehen Sie?

Eine ganz wichtige Rolle in der Geschichte spielt der Hass. Immer wenn eine dieser fünf Weltanschauungen abgewirtschaftet hatte, suchte man die Schuldigen und die wurden aufgespießt. So geht das durch die ganze Geschichte hindurch und das ist widerlich. Wir müssen lernen, uns gegenseitig zu ertragen und wissen: Die anderen haben Fehler, doch ich wahrscheinlich auch.

Das Interview führte Guido Berg

Geboren wurde Wilhelm Stintzing am 28. Juni 1914 in Omaruru (Namibia), damals Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Als Fünfjähriger kam er nach Potsdam. Er besuchte das Victoria- heute Helmholtz-Gymnasium. 1933 machte er Abitur. Stintzing studierte Theologie an der Humboldt-Universität Berlin. Nach dem Examen 1938 wurde er Soldat und nach Besuch der Kriegsschule Leipzig im Herbst 1943 Leutnant. Sein erstes Pfarramt hatte er in Bötzow (Oberhavel). Von 1947 bis 1967 war er Pfarrer in Groß Glienicke, baute bis 1953 im Westberliner Teil des Ortes eine Kapelle auf. Bis zum Ruhestand 1979 war er Studentenpfarrer in Potsdam. Stintzing hat drei Kinder, zwei Enkel und einen Urenkel. (Guido Berg, PNN vom 16.04.2011)

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