19.01.2013 | Ein Altar mit kleinen Geheimnissen – Kurt Kallensee verhilft dem alten Traditionsstück aus der Garnisonkirche zu neuer Schönheit

Der Altartisch der Garnisonkirche ist zunächst eine – unter uns gesagt – mittelprächtige Enttäuschung. Kein bisschen Schnörkel-Zierrat und Pomp, der das Christenherz erheben

Der Altartisch der Garnisonkirche ist zunächst eine – unter uns gesagt – mittelprächtige Enttäuschung. Kein bisschen Schnörkel-Zierrat und Pomp, der das Christenherz erheben könnte. Einfach nur schmucklose Eiche. Ein Tisch ist ein Tisch ist ein Tisch: Vier Beine, eine Platte. Eine ganz normale Sache und sicher nichts Geheimnisvolles. Oder? Beim Feldaltartisch sitzt das Geheimnis aber am Innenrand unter der Platte. „Hier, schauen Sie sich das mal an“, sagt Restaurator Kurt Kallensee und kippt das Teil so, dass das Licht besser auf die Jahreszahl „1800“ und auf einige eingekerbte Buchstaben fällt: „MANNHARDT“. Der Name des Tischlers. Die beiden N sind falsch herum geschrieben. Ein Markenzeichen des Handwerkers? Oder eine Lese-Rechtschreibschwäche? Daneben sind die Buchstaben SCNI eingeritzt; das N ist auch hier umgedreht.

Kurt Kallensee zuckt mit den Schultern: „Keine Ahnung, was diese Buchstabenkombination bedeutet.“ Aber das ist ein Teil seines Berufs: dass oft auch ein Stückchen Geheimnis bleibt. Der Restaurator arbeitet in Zeitepochen, die Lichtjahre entfernt sind von „Ingvar“, „Malmgren“, „Pippi Langstrumpf“ oder wie all die schwedischen Ex-und-Hopp-Interieurs heißen.

In der Kallensee’schen Werkstatt in Alt Nowawes fühlt man sich fast wie in einem Kostümfilm, was daran liegen mag, dass der hohe Raum – an der Decke prangt sogar eine Malerei à la Rokoko – früher mal ein Tanzsaal war. „Zur Stadt Magdeburg“ hieß das Gasthaus. Gekocht wird hier anscheinend immer noch. Auf einem Herd blubbert gerade etwas munter in einem Topf. Das Mittagssüppchen für das Restauratoren-Duo Kurt und seinen strohblonden Sohn Jan? Nein, hier köchelt Arbeitsmaterial vom Feinsten: „Knochenleim.“ Besonders empfehlenswert fürs Bindemittel sind Hasenknochen. So wie die Handwerker einst bauten, so wird hier restauriert. Natürlich natürlich. In den Glasbehältnissen lagern zum Beispiel grobkörnige Harze und blutrote Samen der Annato-Pflanze, die in 96-prozentigem Alkohol eingelegt werden und dem Eichenholz einen wunderbar nachgedunkelten Farbton verleihen. Es gibt dunkle Schellack-Kügelchen, gewonnen aus „Gummilack“, der nach dem Stich einer bestimmten Läuse-Art aus dem Baum hervorquillt – alles Top-Ingredienzien zur Oberflächenbehandlung. Ausgesprochen findig war der Pfarrerssohn aus Gotha schon in den Anfangsjahren seiner Restauratorenlaufbahn bei der Schlösserstiftung. Damals zog er sogar die Kriminalpolizei zu Rate, als es darum ging, wie einst das Zedernholz in der Bibliothek von Sanssouci behandelt worden war. „Ein Major der Kripo hat das untersucht und uns gesagt, dass das Polierwachs damals Bienenwachs und Kolophonium enthielt.“ Der Befund stimmte mit der Rezeptur aus dem „Technologischen Wörterbuch von Jacobsen, Berlin/Stettin“ aus dem Jahre 1790 überein.

Eines Tages, irgendwann in den 90ern, läutete das Telefon in der Werkstatt: der Kastellan von Schloss Bellevue war dran. Danach restaurierte Kurt Kallensee im Auftrag von Bundespräsident Herzog und seiner Frau die historischen Möbel im Schloss. Ein halbes Jahr lang. (Was ihn bei der Verweildauer in Bellevue auf Platz zwei hinter das Ehepaar Wulff bringt.) Noch heute hütet er das Zeitungsfoto eines prachtvollen Mahagonitisches. Das Bild zeigt nämlich den damaligen Papst Johannes Paul II., der bei seiner Berlin-Visite an dem Rundtisch sitzt, flankiert von Hausherr Roman Herzog. „Also ist ,mein’ Tisch ein bisschen heilig“, sagt Kallensee mit verschmitztem Lächeln.

Nun ist der Altar, der sonst in der Garnisonkirchenkapelle in der Breiten Straße steht, zur Schönheitskur in der Werkstatt: Einst wurde er trotz seiner Wuchtigkeit oft zu Feldgottesdiensten geschleppt. In den 1960er Jahren verschleppten ihn Militärs ins Klein Glienicker Sperrgebiet. Später führte die Odyssee nach Berlin. Kirchenexperte Andreas Kitschke war es, der den Altar 2003 wieder aufstöberte: als Büchertisch in einer Kirche. Kitschke kann auch die Schmucklosigkeit des Altars erklären. Das lag daran, dass das Holz ohnehin meist von edlen Altartüchern verhüllt wurde; genauso wie auch die Buchstaben „SCNI“ unter der Tischplatte. Deren Bedeutung wird aber wohl für immer unterm Mantel der Geschichte verborgen bleiben. (MAZ vom 19.01.2013, Von Ildiko Röd)

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