17.08.2012 | Die vergessene Schöne – Sechs Vereine und ein Museum wollen ein neues Gesicht für die Breite Straße

Sie ist ein Stück der Bundesstraßen 1 und 2 und im Moment eine der hässlichsten Pisten in der Stadt, über die die Autofahrer so schnell

Sie ist ein Stück der Bundesstraßen 1 und 2 und im Moment eine der hässlichsten Pisten in der Stadt, über die die Autofahrer so schnell wie möglich in andere Stadtteile oder aus der Stadt hinaus wollen. Dass es zu DDR-Zeiten für die Kopplung von historischen Bauten und Hochhäusern einen Architekturpreis gab, ist kaum noch verständlich. Nur wenige Geschichtskundige wissen, dass die Breite Straße einmal ein in sich abgeschlossenes, begrüntes Areal mit schönen alten Häusern und hoher Aufenthaltsqualität war. Hinter der Langen Brücke bildeten die beiden würfelförmigen Knobelsdorffbauten den Eingang, am anderen Ende war sie durch das Neustädter Tor mit seinen beiden hochaufragenden Obelisken begrenzt. Die Neustädter Havelbucht war damals noch erheblich größer. Sie wurde mit Bauschutt unter anderem aus Häuserabrissen verfüllt und die jetzige Hauptverkehrsader als Bogen in die Zeppelinstraße (damals Leninallee) darauf verlegt.

Der Breiten Straße in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist unter dem Titel „Breite Straße – Vergessene Schöne“ jetzt eine Ausstellung im Naturkundemuseum, Breite Straße 13, gewidmet, die am Mittwochnachmittag eröffnet wurde. 16 Fotos sind aus dem Bestand des Potsdam Museums in sehr kurzer Zeit „ausgegraben“ worden, wie Naturkundemuseumschef Detlef Knuth erläuterte. Sie wurden gerahmt und im Treppenaufgang des Museums aufgehängt. Das alles sei nur durch hohes ehrenamtliches Engagement möglich geworden, betonte Knuth. Sechs Vereine, die sich für die Verschönerung der Straße einsetzen, tragen inzwischen die „Initiative Breite Straße“, darunter der Freies Tor e.V., die Initiative Mitteschön und der Garnisonkirchenverein. Bis Ende September kann die in Vergessenheit geratene Schöne zu den Öffnungzeiten des Museums wiederentdeckt werden.

Zur Ausstellungseröffnung waren sich die Vertreter der Vereine, des Museums und Geschichtswissenschaftler einig, dass die alte Schönheit der Straße neu aufleben müsse. Natürlich lasse sich vieles nicht rückgängig machen, sagte Ute Samtleben vom Verein Freies Tor, aber dort, wo man etwas heilen könne, müsse man ansetzen. Der Verein hatte bereits ins Gespräch gebracht, den jetzt an der Seite hinter dem Naturkundemuseum stehenden Obelisken wieder in die Straßenmitte zu rücken. Moniert wird auch das Einheitsgrau, in dem die Studentenwohnungen saniert worden sind. Zumindest das jetzt noch zur Sanierung anstehende Haus sollte freundlichere Farbtöne erhalten. Barbara Kuster vom Verein Mitteschön kann sich auch eine bessere Eingangssituation zur Kiezstraße vorstellen und die Ansiedlung von Gewerbe und weiteren Studentenkneipen. Alle aber wollen zur Bepflanzung der Straße mit Bäumen zurück.

Über das einstige Aussehen der Straße und ihren Umbau zur sozialistischen Magistrale gab zur Ausstellungseröffnung Geschichtswissenschaftler Hartmut Knitter umfangreiche Auskunft. Sie sei eine der ältesten Potsdamer Wege, die als Landschaftsallee von dem Holländer Dietrich de Langelaer ab 1668 auf Wunsch des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm angelegt worden ist. Er hatte Potsdam zur zweiten Residenz erkoren und ließ die Stadt, die damals nur 70 Häuser zählte, ausbauen.1674 entstand die Vorgängerin des Predigerwitwenhauses, an dessen heutiger Front das kurfürstliche Wappen wieder angebracht wurde. In einer Nische steht die Büste des Kurfürsten. Das Stadtschloss, das Friedrich II. von Wenzeslaus von Knobelsdorff zur Winterresidenz umbauen ließ, wurde zum zentralen Bezugspunkt der Allee. Zu Friedrichs II. Zeiten entstanden zwischen 1749 und 1781 der Militärwaisenhauskomplex, die Hiller- Brandtschen Häuser, das Ständehaus, in dem sich jetzt das Naturkundemuseum befindet, und weitere über 30 Wohnhäuser.

Waren die 70er Jahre des 18. Jahrhunderts mit ihrem Bauboom ein Segen für die Straße, so besiegelten die 70er des 20. Jahrhunderts ihren Niedergang. Nach Sprengung der Garnisonkirche 1968 wurden völlig intakte Wohnhäuser abgerissen, um für Hochhäuser Platz zu machen. Auf diese Weise verschwanden die Gaststätte zum Neustädter Tor und die Druckerei Müller mit Girlandenfassade und einige Häuser des Architekten Jan Bouman, der auch für das Holländische Viertel verantwortlich zeichnete. (PNN vom 17.08.2012 von Hella Dittfeld)

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