20.03.2019 | „Die Rekonstruktion bildet den Rahmen für ein lebendiges Gedenken, Denken und Sehen“

Claus Weselsky, Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), im Gespräch über die Spende des GDL-Vorstandes für den Wiederaufbau des Turmes der Garnisonkirche, historische Spuren und einen lebendigen Diskurs...

Als jüngstes von drei Kindern einer Arbeiterfamilie am 18. Februar 1959 in Dresden geboren. Besuch der Polytechnischen Oberschule und von 1975-1977 Ausbildung zum Schienenfahrzeug-Schlosser und Lokomotivführer bei der damaligen Deutschen Reichsbahn in Dresden. Weil er kein SED-Mitglied war, blieb Weselsky länger als andere Rangierlokführer. Auch innerhalb der DDR-Gewerkschaft FDGB hatte er kein Amt.

Erst ab 1982 durfte er Güterzüge fahren. Mit dem Ende des SED-Regimes 1989 engagierte er sich in der wiedergegründeten Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL). Seit Juli 2006 ist Weselsky Mitglied im Aufsichtsrat der DB Regio AG und seit März 2010 hat er einen Sitz im Aufsichtsrat der DB Cargo AG inne.

Im Tarifkonflikt von 2007 und 2008 mit der Deutschen Bahn erlangte er eine große öffentliche Wahrnehmung. Im Mai 2008 wurde er als Bundesvorsitzender der GDL gewählt und 2010 zum Vizepräsidenten der autonomen Lokomotivführer-Gewerkschaften Europas gewählt. 2012 erfolgte seine Wiederwahl als GDL-Vorsitzender mit 90 Prozent der Stimmen sowie seine Berufung zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden des gewerkschaftlichen Dachverbandes DBB Beamtenbund und Tarifunion. 2017 wurde er mit 95 Prozent der Stimmen erneut im Amt des GDL-Bundesvorsitzenden bestätigt.

 

SGP: Wie stehen Sie zum Glauben?

CW: Ich bin Atheist und komme aus einer kirchlich nicht gebundenen Familie. Aber ich bin konservativ und die 10 Gebote sind für mich als Grundregeln des menschlichen Zusammenlebens ein wichtiger Kompass.

Als 14-jähriger hatte ich meine erste Begegnung mit Karl Marx und der Bibel. Prägende Impulse, die mir neue Wahrnehmungshorizonte eröffnet haben. Insbesondere bei meinen Reisen in den Nahen Osten an die Wurzeln der Christenheit spürte ich, wie sehr wir kulturgeschichtlich von der Lehre Gottes bis heute geprägt sind. Das hat sich festgehakt und zu meiner Erdung beigetragen.

 

SGP:  Was hat Sie von dem Wiederaufbau des Garnisonkirchturms überzeugt?

CW: Die Annäherung zu einem solchen Projekt begann mit dem Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Zuerst war ich sehr skeptisch, da nach der Wiedervereinigung ein so enormer Bedarf an finanziellen Mitteln und Investitionen bestand – da gab es Wichtigeres! Doch spätestens als die Unterkirche fertig war, begann mein Meinungswandel: Es war nun klar, dass die Finanzierung größtenteils durch Spenden möglich ist und insbesondere der Versöhnungsgedanke und das Engagement gegen Krieg und Faschismus haben mich die wiedererrichtete Kirche auch als Mahnmal begreifen lassen. Das hat mich überzeugt! Der Wiederaufbau hatte nach der Wiedervereinigung auch eine große Symbolwirkung zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern - so wie die Garnisonkirche eine wichtige Symbolfunktion für die Nachkriegsgeborenen und besonders die junge Generation einnehmen wird. Das Bewusstsein, wie leicht der Frieden zwischen den Völkern, aber auch der soziale Frieden in Deutschland durch eskalierende Auseinandersetzungen gefährdet werden kann, muss heute mehr denn je geschärft werden. Die Garnisonkirche ist deshalb für mich eine unübersehbare Mahnung an jede Generation.

 

SGP: Was ist Ihre Motivation für die Spende zum Wiederaufbau des Garnisonkirchtums?

CW: Im Jahr 2014/15 fand die erste Schlichtung wischen der GDL und der Deutschen Bahn in Potsdam statt. Dann folgte 2016/17 die zweite Schlichtung. In dieser Zeit lernte ich das Wiederaufbauprojekt und die Nutzungsidee durch die Schlichtungsmitwirkenden Matthias Platzeck und Wieland Eschenburg kennen. Ihre Haltung beeindruckte mich: Jede Sitzung fing mit der Besinnung auf die Herrnhuter Losung an – Die mentale Einstimmung für eine friedliche Tariflösung. Die Schlichtungen mündeten in einer sehr guten Lösung des Konfliktes und waren entscheidender Anlass unseres Sponsorings. Wir wollen damit unsere Dankbarkeit für die errungenen Erfolge zum Ausdruck bringen und haben uns für die 130. Stufe mit der Inschrift zum "150jähriges Jubiläum der GDL 10. Mai 2017" entschieden.

 

Die GDL ist eine traditionsbewusste Gewerkschaft. Sie lebt auch dadurch, Spuren zu hinterlassen. Nicht nur für sich selbst, sondern Spuren mit gesellschaftlicher Relevanz, die ein Bewusstsein historischer Bezüge ermöglichen. Die Garnisonkirche Potsdam bietet eine ideale Verbindung: In Potsdam fand die Schlichtung zwischen Bahn und GDL statt, die für uns und unser Selbstwertgefühl als traditionsreicher Berufsstand von hoher Bedeutung war. Wir wollten hier etwas Gutes tun und uns als GDL „verewigen“.

 

SGP: Wie bewerten Sie die öffentliche Debatte um den Wiederaufbau?

CW: Gerade diese Kontroverse offenbart die Notwendigkeit eines Ortes der Nachdenklichkeit, des Dialogs und der Versöhnung. Es entsteht hier ein Mahnmal, das zu Bildung, Erkenntnis und Versöhnung einlädt. Das gefällt mir.

 

SGP: Welche Bedeutung hat für Sie die Rekonstruktion der barocken Architektur?

CW: Das historische Gebäude muss wieder sichtbar werden, sonst besteht kein authentischer Bezug zur Geschichte der Kirche mit all ihren Brüchen. Die Rekonstruktion bildet den Rahmen für ein lebendiges Gedenken, Denken und Sehen. Eine inspirierende Atmosphäre der Reflexion.

 

SGP: Was wünschen Sie sich für dieses Projekt?

CW: Einerseits ist es uns wichtig, dass prägende und wertvolle Traditionen erhalten bleiben, andererseits dass die moderne Entwicklung voranschreiten kann. Wenn dies idealerweise im Einklang miteinander stattfindet, hat das sehr viel mit Bildung zu tun. Deswegen ist es wichtig das Geschichtsbewusstsein zu stärken, Geschichte erlebbar und für die nächste Generation begreifbar zu machen. Dieser Ort ist mit seiner wechselvollen Geschichte, die wesentliche politische Entwicklungen unserer Nation wie ein Seismograph abbildet, prädestiniert dafür. Möge es hier gelingen, auf unkonventionelle, Neugier erweckende, inspirierende, auch konfrontative Weise Jugend zu bilden, Menschen ins Gespräch zu bringen, fruchtbare Begegnungen zu ermöglichen und herrliche Ausblicke über Potsdam zu bieten. Im Alltag findet man oft zu wenig Anregung um über so grundlegende Fragen nachzudenken und hier entsteht ein „Zeitfenster für Nachdenkliches“.

 

Das Interview führte Dr. Stephanie Hochberg, Stiftung Garnisonkirche Potsdam, am 1. August 2018 in Berlin.

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