23.11.2015 | "Die Deutschen arbeiten eben immer" - In Potsdamer Nagelkreuzkapelle liest ein Kriegsflüchtling

Besser hätte sich nicht zeigen lassen, was im etwas vergessenen Wort „Heimat“ steckt, und dass die wiederaufzubauende Garnisonkirche für viele Menschen genau das ist.

In die Potsdamer Nagelkreuzkapelle hatte  Pfarrerin Cornelia Radeke-Engst Saša Stanišić  am Samstagabend zur Lesung eingeladen und ließ den Vortragenden durch Gitarrenklänge des Potsdamer Professors Matthias Rogg ab und an unterbrechen.

Der 1978 in Višegrad im östlichen Bosnien geborene Autor floh 1992  als 14-jähriger Sohn einer Bosniakin und eines Serben  vor dem Krieg in seinem Land nach Heidelberg. Die neue Heimat der Familie – sozusagen eine zufällige. Vor allem für den Jungen eine Welt, wo alles fremd und ohne Namen war. „Das Einzige, was ich sagen konnte, war Lothar Matthäus“, schilderte er mit dem 2011 erschienenen Text „Die Schöne mit dem schlanken Hals“ seine ersten deutschen Worte.  Er wächst mit anderen Emigrierten in der Hochhaussiedlung „Emmertsgrund“ auf. „Die Supermarktschlange sprach gleich sieben Sprachen“,   schreibt er über die damalige  Wirklichkeit, die sich von heutigen ersten Eindrücken  von Flüchtlingen kaum unterscheiden dürfte. „Es zählte immer nur das Jetzt“, erinnerte er sich. Vor allem aber, die Fremde sei sicher gewesen. Die Ruine des Heidelberger Schlosses stand in aller Kaputtheit ihm damals als Symbol dafür.  Die schlimmen Zeiten würde seine Familie überstehen. In der Internationalen Gesamtschule in der Neckarstadt werden seine schriftstellerischen Talente gefördert. Er studiert Deutsch als Fremdsprache und Slawistik. Er erfüllt sich seinen Kindheitstraum „nur Schreiben“.  Der heute mit Literaturpreisen ausgezeichnete Schriftsteller zeigte vor dem Potsdamer Publikum, dass er genauso das Vorlesen beherrscht. Mit Gesten und humorigen Bemerkungen gewann er die Zuhörer schnell. 

Ein Drittel des Abends war schon vergangen, als er zu seinem Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ wechselte. Das halbbiographische Buch bot die Stiftungsbuchhandlung Potsdam gebunden wie als Taschenbuch nach der Lesung an.  Stanišić  schildert den Bürgerkrieg in seiner Heimatstadt aus der Sicht des Kindes Aleksandar. Er hasst den Krieg, die Scharfschützen, die immer wieder Menschen erschießen. Er hört von einem Brautpaar, bei dessen Hochzeitsfeier unter dem Tisch eine Bombe explodiert, gerade, als der Bräutigam die Hochzeitstorte anschneiden will. Die Braut stirbt. Sie wird in ihrem Brautkleid beerdigt – ohne Schuhe, denn die waren ausgeliehen. „Ich hasse den Tod – der Tod ist ein Meister aus Deutschland, aber gerade ein Weltmeister aus Bosnien“, lässt er den Protagonisten Aleksandar sagen.

Noch als Kind erlebt er in seiner Heimat den Fall der Berliner Mauer – im Fernsehen. Sein Onkel sagt zu den „Mauerspechten“, die Steinchen aus dem Beton klopfen: „Die Deutschen arbeiten eben immer.“

Die Deutschen kennen aber zugleich das in anderen Sprachen kaum beheimatete Wort „Heimat“: Da, wo noch niemand je gewesen ist, was aber allen in die Kindheit scheint.  Die Garnisonkirche zählt zu  solch’ bleibender Erinnerung.

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