23.05.2013 | Deutschstunde in der Garnisonkirche

Ein Schülerprojekt des Humboldt-Gymnasiums setzt sich mit Autoren auseinander, deren Werke verbrannt wurden, und schafft aktuelle Bezüge In der Kapelle der Garnisonkirche sitzen etwa

Ein Schülerprojekt des Humboldt-Gymnasiums setzt sich mit Autoren auseinander, deren Werke verbrannt wurden, und schafft aktuelle Bezüge

In der Kapelle der Garnisonkirche sitzen etwa 30 Schüler auf Stühlen im Halbkreis und hören die Geschichte von Doris. Schöne Kleider tragen, in teuren Restaurants speisen, bewundert werden – das ist der Lebenstraum der jungen Frau. Den Sekretärinnenjob hat sie verloren, ihre Träume jedoch nicht. Im Berlin der Weimarer Republik schlägt sie sich durchs Leben – frech, berechnend, manchmal naiv und oft auch einsam. Julia von Weiler, Geschäftsführerin des Vereins „Innocence in Danger“, der sich für mehr Kinderschutz im Internet engagiert, liest Ausschnitte aus dem Roman „Das kunstseidene Mädchen“. Die Schriftstellerin Irmgard Keun hat das Buch 1932 geschrieben. Ein Jahr später wurde es verbrannt.

„Wir wollen diejenigen zu Wort kommen lassen, die damals zum Verstummen gebracht wurden“, erklärt Pfarrerin Juliane Rumpel, die anlässlich des 80. Jahrestages der Bücherverbrennungen gemeinsam mit der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche e.V. ein Schülerprojekt ins Leben gerufen hat. Gerade an diesem Ort mit dieser Geschichte sei es wichtig, die Geschehnisse aufzuarbeiten, so die Pfarrerin.

Zusammenhänge, Hintergründe und aktuelle Bezüge zur Bücherverbrennung erarbeiten Schüler der zehnten und elften Klassen des Humboldt-Gymnasiums gemeinsam mit prominenten Gästen. Bereits am 7. Mai diskutierten die Gymnasiasten gemeinsam mit dem Journalisten Jacob Augstein, dem Politiker Veit Göritz (Piratenpartei), dem Fernsehproduzenten Walid Nakschbandi und dem Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung, Frank Bötsch, darüber, wie die Bücherverbrennungen vor 80 Jahren zustande kommen konnten und wie es um die heutige Meinungsfreiheit bestellt ist. Insgesamt drei Lesungen und anschließende Diskussionen sollen verdeutlichen, wie Vielfalt und geistige Freiheit durch die Bücherverbrennungen zerstört wurden. Julia von Weiler ist nach Bild-Redakteur Nikolaus Blome bereits die zweite Vorleserin.

Im Unterricht hatten die Schüler zuvor thematisiert, warum Bücher von der NS-Diktatur als so gefährlich eingeschätzt wurden, dass sie verboten und verbrannt wurden. Das Angebot der Stiftung Garnisonkirche zum Schülerprojekt habe die Schule sehr gern angenommen, sagt Deutschlehrerin Heidrun Kinner. „Andere Lernorte aufzusuchen, aus dem Klassenraum herauszugehen, Begegnungen mit anderen Menschen zu suchen – das ist eigentlich immer schön und auch wichtig.“ Die Schüler – insgesamt etwa 100 – seien freiwillig dabei, betont sie.

Julia von Weiler beendet ihre Lesung, die kleine Ausschnitte aus dem Leben von Doris preisgegeben hat. Die Frage steht im Raum, warum dieses Buch, das etwas burschikos daherkommt, von den Nazis verboten wurde. „Es ist nicht wirklich ein politisches Buch“, sagt Juliane Rumpel. Auf den „schwarzen Listen“, nach denen hauptsächlich Mitglieder der „Deutschen Studentenschaft“ die Bücher aus Bibliotheken, Buchläden und Antiquariaten systematisch aussortierten und vernichteten, standen neben politischen Autoren eben auch die unangepassten, die ein Menschenbild zeichneten, das nicht ins deutsche Nazi-Schema passte.

Die Diskussion, die Schüler, Pfarrerin und Vorleserin nun führen, spannt einen weiten Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart. Von der Verfolgung Andersdenkender in der Nazizeit geht es zu den sozialen Netzwerken im Internet und der Frage, was es heute bedeutet, eine abweichende Meinung zu vertreten. Cybermobbing und Shitstorm sind die Stichworte, die klarmachen, dass dies auch heute nicht leicht ist. Ist Anonymität im Internet gut oder schlecht? Wie gehe ich online mit anderen Menschen um? „Ich versuche mir immer vorzustellen, dass ich das, was ich schreibe, demjenigen auch ins Gesicht sage“, erklärt ein Schüler. Die Diskussion ist lebhaft. Nach einer Stunde tippt Heidrun Kinner auf ihre Armbanduhr – der reguläre Unterricht wartet.

In einer Woche erwartet die Schüler die dritte Lesung. Dann wird Jugendbuchautorin Grit Poppe aus einem Jugendbuch von Erich Kästner lesen. Am 30. Mai endet das Schülerprojekt schließlich mit einer Lesung von Schülern und Pfarrerin Juliane Rumpel, die musikalisch begleitet wird. Joachim Ringelnatz, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und andere Autoren werden mit Kurzgeschichten und Gedichten vertreten sein. „Wir wollen die 20er- und 30er-Jahre noch einmal aufleben lassen und damit den Kreis schließen“, so Rumpel. Heike Kampe

Der Leseabend findet am 30. Mai um 19 Uhr 30 in der Kapelle der Garnisonkirche, Breite Straße 7, statt.

(Potsdamer Neueste Nachrichten, 23. Mai 2013, Heike Kampe)

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