27.08.2011 | Der lange Weg zur Schönheit – Peer Straube über die schier endlose Debatte über den Wiederaufbau der Garnisonkirche

Kein einziges Bauwerk, nicht einmal das Landtagsschloss, spaltet die Potsdamer mehr. Bei keinem scheinen die Gräben zwischen Befürwortern und Gegnern so tief, bei keinem sind die Positionen

Kein einziges Bauwerk, nicht einmal das Landtagsschloss, spaltet die Potsdamer mehr. Bei keinem scheinen die Gräben zwischen Befürwortern und Gegnern so tief, bei keinem sind die Positionen so unversöhnlich wie bei der Garnisonkirche.

Es wäre zu einfach, die Debatte auf dieses einzige, unselige Datum des 21. März 1933 zu reduzieren, diesen „Tag von Potsdam“, an dem Hitler dem greisen Reichspräsidenten Hindenburg vor Philipp Gerlachs meisterlichem Gotteshaus die Hand schüttelte. Die Wurzeln für die Grabenkämpfe liegen tiefer als im Missbrauch der einst schönsten Kirche der Stadt durch die Nazis. Die Gegner des Wiederaufbaus fahren jedes Geschütz auf, das sich gegen das Projekt in Stellung bringen lässt: Neben dem „Tag von Potsdam“ reizt sie schon allein der Name – Hof- und Garnisonkirche. Es war die Kirche der Preußenherrscher, des Soldatenkönigs Sarg stand dort neben dem seines Sohnes, des kriegerischen Friedrich, der heute „der Große“ genannt wird. Es war die Kirche der hier stationierten Soldaten – auch jener, die am 20. Juli 1944, nach spät gekommener Einsicht versuchten, Hitler den Garaus zu machen. Und doch resultiert die Wut, die Ablehnung nicht nur aus der Angst vor einer Wiederauferstehung von Preußen- oder gar Naziglorifizierung. Viele sehen in dem Wiederaufbauprojekt auch ein Scheitern der Stadt, den Blick in die Zukunft zu richten, moderner Architektur eine Chance zu geben. Dieses Argument ist weniger leicht zu widerlegen. Indes: Wann hatte in diesen Nachwendejahren moderne Architektur in Potsdam eine Chance? Von Ausnahmen wie dem Hans Otto Theater einmal abgesehen, prägen steingewordene Scheußlichkeiten wie der Bahnhof oder das IHK-Gebäude das Gesicht der Nachwende-Moderne. Wirklich Innovatives wie der Ursprungsentwurf des Heiliggeist-Seniorenstifts wurde vom Bauherren meist gnadenlos zusammengestrichen und endete letztlich im Beliebigen. Die Spendenwilligkeit in den nötigen Größenordnungen vorausgesetzt, spricht nichts wirklich gegen einen Wiederaufbau der Garnisonkirche, dem mit knapp 89 Metern höchsten Bauwerk der Stadt. Die Kirche nähme nicht nur der Breiten Straße viel von ihrer baumlosen Wucht als Automagistrale. Den Wiederaufbau lohnt eine schlichte Tatsache: Es war ein wunderschönes Gebäude. (PNN vom27.08.2011n von Peer Straube)

Zurück


zum Seitenanfang