10.03.2013 | Der Augenzeuge - Pfarrer a. D. Wilhelm Stintzing erlebte als 19-Jähriger den „Tag von Potsdam“ mit

Potsdam – Wilhelm Stintzing – damals 19 Jahre jung – hatte dem März 1933 mit Vorfreude entgegengesehen. Schließlich stand ein großes Ereignis bevor. Am 20. März, einem Sonnabend,

Potsdam – Wilhelm Stintzing – damals 19 Jahre jung – hatte dem März 1933 mit Vorfreude entgegengesehen. Schließlich stand ein großes Ereignis bevor. Am 20. März, einem Sonnabend, war nämlich Reifeprüfung am Victoriagymnasium (heute Helmholtzschule). Den Lehrern war aber ein Fehler unterlaufen. Sie hatten vergessen, ihn auf die Prüfungsliste zu setzen, so dass er in jedem Fach als letzter aufgerufen wurde. „Dann waren die Lehrer schon erschöpft und ich war erfrischt, denn ich hatte Bekannte in der Nähe der Schule, bei denen ich mich zwischendurch mit Kuchen stärken konnte“, erinnert sich der Herr mit dem schlohweißen, immer noch dichten Haarschopf. 98 Jahre ist er jetzt alt. Das Augenlicht nimmt ab, aber die Bilder der Vergangenheit stehen präzis vor seinem inneren Auge. An jenem 20. März ging er nach den Prüfungen in die Große Weinmeisterstraße, wo er im Haus seiner Großeltern (heute die evangelische Grundschule) lebte.

Er ging zu Bett, und dann war er auch schon da: Der nächste Tag, der als „Tag von Potsdam“ auf ewig ein unrühmliches Andenken haben wird. Am Vormittag lief Wilhelm durch die Nauener Straße (heute Ebert-Straße) hinunter zum jetzigen Filmmuseum. Die Leute hingen in den Fenstern. Sogar auf den Bäumen hockten die Menschen wie neugierige Vögel. Wilhelm kämpfte sich bis zur Breiten Straße vor, die sonst nicht gerade der Hotspot von Potsdam war. An normalen Tagen ging es hier meist ruhig zu. Pferdewagen klapperten oft vorbei. Und unter der Breiten Brücke, die einen Belag aus Holzpflöcken hatte, schipperten Kähne im Kanal dahin. Als Junge war Wilhelm oft mitgefahren. Jetzt war er längst kein Junge mehr, sondern baumlang. So stand er an der Hufschmiede, die sich am Ende des Marstalls (Filmmuseum) befand, und überragte mit seinem Kopf einen Großteil des Menschenmeers. Von seinem Platz aus konnte Wilhelm die Kirche sehen. Ihren Innenraum mit Fahnen und opernartigen Balkonen kannte er genau, denn hier war er konfirmiert worden. Und nun wurde die Reichstagseröffnung zelebriert, die man nach dem Brand des Berliner Reichstagsgebäudes ins symbolträchtige Gotteshaus der Preußenherrscher ausgelagert hatte. Überall standen Rundfunkübertragungswagen herum; er sah die Helmspitzen der paradierenden Soldaten. Und er hörte das Summen der Masse und spürte förmlich ihre Aufregung, die erfüllt war von Hoffnung und Spannung.

Auch heute noch würde Wilhelm Stintzing, der jahrzehntelang in Groß Glienicke und in der Waldstadt als Pfarrer gewirkt hat, eines niemals verhehlen: „Es war für die meisten Potsdamer ein Tag der Freude.“ Heutzutage ist es kühn – um nicht zu sagen: tollkühn –, so etwas rückblickend zu sagen. Als Stintzing das vor fünf Jahren einmal bei einem Vortrag erläuterte, nämlich dass sich angesichts der drückenden Arbeitslosigkeit – zehntausend der 60 000 Potsdamer waren ohne Job – viele Hoffnungen mit den neuen Machthabern verbanden, da kriegte er dafür in Potsdam teilweise mächtig verbale Dresche: „Ewiggestriger“ war wohl noch das Netteste. Dabei hatte Stintzing nur versucht, die Geschichte von ihrem Anfang her zu erklären. Nicht von der Gegenwart her, wo natürlich jeder um die grausigen Konsequenzen des Tages von Potsdam weiß.

Doch damals sah das Grundgefühl in der Stadt einfach anders aus, so erzählt es der alte Herr. Alle hofften auf Versöhnung. Die Weimarer Republik war für die meisten nicht viel mehr als Zank und Zoff zwischen den Parteien gewesen. Dass ein Kommunist einmal sogar in seiner Wut einen Parlamentsstuhl aus den Verankerungen riss und damit auf einen Polit-Kontrahenten losging, zählt da noch eher zu den charmanten Anekdoten. Bezeichnend ist aber, dass sich viele Parteien paramilitärische Truppen hielten. Die neue Regierung war eine Kooperation der monarchistisch gesinnten Deutschnationalen mit den Nazis. Pathos troff aus jeder Pore. Und Hitler gab den perfekten Wolf im Schafspelz; sonderte in seiner Rede in der Garnisonkirche Salbungsvolles ab, das angetan ist, heutigen Lesern den Magen umzudrehen: „Weder der Kaiser noch die Regierung noch das Volk haben diesen Krieg (den Ersten Weltkrieg, d. Red.) gewollt! Nur der Verfall der Nation, der allgemeine Zusammenbruch zwangen ein schwaches Geschlecht, wider das eigene bessere Wissen und gegen die heiligste innere Überzeugung die Behauptung unserer Kriegsschuld hinzunehmen. Diesem Zusammenbruch aber folgte der Verfall auf allen Gebieten. Machtpolitisch, moralisch, kulturell und wirtschaftlich sank unser Volk tiefer und tiefer. (…) Der Welt gegenüber aber wollen wir, die Opfer es Krieges von einst ermessend, aufrichtige Freunde sein eines Friedens, der endlich die Wunden heilen soll, unter denen alle leiden.“ Abgedruckt ist das Lügen-Konglomerat in einem alten Magazin, das man nach dem Tag von Potsdam als „Gedenkausgabe“ für 20 Pfennig kaufen konnte. Das Cover wird von einem schwachbrüstigen Alten Fritz geziert. Ihm hatte Hitler in der Garnisonkirche ausführlich gehuldigt. Das Presseerzeugnis protzte mit Breitwandfotos und quoll über vor Jubel-Arien: „Stellenweise war es den Absperrungsmannschaften unmöglich, die begeistert herandrängende Menge zurückzuhalten.“ Oder: „11.20 Uhr (…) begaben sich die Teilnehmer in feierlichem Zuge in die Garnisonkirche, wo der Staatsakt stattfand. SA, SS, Stahlhelm und andere nationale Verbände bildeten Spalier.“ Auch Hohenzollern-Prinzen waren in Uniform da. Der von oben fotografierte Alte Markt erscheint fast schwarz – so viele Menschen drängen sich hier.

Dabei war wohl der eigentliche „Star“ des Tages für die Potsdamer weniger Hitler, der Ex-Gefreite mit dem damals schon altmodischen Schnauzer und dem komischen Akzent, sondern Hindenburg. Die Schwester des Reichspräsidenten lebte wie Stintzings Großeltern in der Großen Weinmeisterstraße: „Wenn bekannt wurde, dass er sie besuchte, sammelten sich viele Neugierige vor dem Haus“, erzählt der Pfarrer über die Stadt, die am 21. März vorwiegend in den Farben der Monarchistentreuen geflaggt hatte. In Babelsberg überwogen Sozialdemokraten und Kommunisten.

Auch er selbst hatte mit Hitler nichts am Hut – vor allem dank des Inhalts von „Mein Kampf“, das er nach ein paar Seiten weggelegt hatte. Wilhelm Stintzing ging damals ohnehin anderes durch den jungen Kopf. Am 22. März gab’s das Reifeprüfungszeugnis. Mit einem „Gut“ konnte er von dannen ziehen. „Eine Note besser, als ich es erwartet hatte.“ Hitler und die hohe Politik waren da Nebensache.

Wie der Keim des Tages von Potsdam in den Menschen aufgegangen war, wurde ihm später schrecklich bewusst. Im Krieg, den er von Anfang bis Ende mitmachen musste, erlebte er einmal, wie Mitsoldaten diskutierten: „Ist Hitler oder Christus größer?“ Schließlich einigten sich die Soldaten auf Hitler! (MAZ vom 10.03.2013, Von Ildiko Röd)

Pfarrer Wilhelm Stintzing wird am 19. März ab 19 Uhr in der Garnisonkirchenkapelle an der Breiten Straße an einem Gespräch teilnehmen: „Rückblick auf den Tag von Potsdam“.

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