11.06.2013 | „Das Versöhnungskonzept wurde nicht fallen gelassen“

Was für den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche spricht Von Burkhart Franck Gerade erst hat der Haushaltsausschuss des Bundestages auf Antrag des Kulturstaatsministers den Wiederaufbau

Was für den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche spricht
Von Burkhart Franck
Gerade erst hat der Haushaltsausschuss des Bundestages auf Antrag des Kulturstaatsministers den Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam zum Projekt von nationaler Bedeutung erklärt – und 400 000 Euro für das in Potsdam umstrittene Projekt bewilligt. In Potsdam selbst herrscht weitgehend Konsens, dass keine öffentlichen Gelder mehr in das Projekt fließen sollen. In der Stadt gibt es neben Zustimmung und Abwarten, ob es überhaupt gelingt, genügend Spenden für den Wiederaufbau zu sammeln, auch starken Gegenwind. Im folgenden Gastbeitrag setzt sich Burkhart Franck von der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau mit Gegenargumenten auseinander.
Das Gedenken zum „Tag von Potsdam“ vor 80 Jahren, bei dem es vor der Kirche zum Handschlag zwischen Hindenburg und Hitler gekommen war, wurde vor einigen Wochen durch Auftritte von Gegnern des Wiederaufbaus überschattet, deren Ziel die Agitation gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche war. Deshalb möchte ich zu einigen Behauptungen der Initiative „Potsdam ohne Garnisonkirche“ (PoG) und anderer Garnisonkirchengegner, die auch jenseits des Gedenktages immer wieder geäußert werden, Stellung nehmen.
„Potsdam soll kein Museum werden“
Wer mit offenen Augen durch die Breite Straße geht, hat nicht den Eindruck eines Museums, sondern ist im Gegenteil von ihrer Unwirtlichkeit betroffen, die durch Bomben, Kahlschlag, Plattenbauten und postmoderne Neubauten entstanden ist. Auch die Garnisonkirche wird – leider – der Breiten Straße nicht ihre frühere Beschaulichkeit zurückgeben.
„Die Rettung verfallender Dorfkirchen ist wichtiger“
Dies meint jedenfalls der frühere Landesdenkmalpfleger Detlef Karg. Der Erhalt unserer Dorfkirchen ist in der Tat sehr wichtig. Die Garnisonkirche wird aber weder mit dem Geld der Denkmalpflege noch mit dem Geld der Kirche aufgebaut werden. Die alte Vorstellung der Denkmalpflege, dass Bestehendes erhalten, Zerstörtes aber nicht wieder aufgebaut werden solle, war noch nie richtig, ist aber angesichts des Verlustes an historischer Substanz heute noch weniger zu begründen als früher. Für jüngere Denkmalpfleger und Architekten ist deshalb die Rekonstruktion identitätsbildender Bauten wieder ein Anliegen.
„Potsdam braucht keine neue Kirche“
Am 21. März wurde ein Plakat mit der Aufschrift gezeigt „Die Garnisonkirche braucht niemand“ (vermutlich war das Gegenteil gemeint: „Niemand braucht die Garnisonkirche“). Der Nutzen der Garnisonkirche ergibt sich weniger aus der Zahl ihrer Sitzplätze als aus der Wiederherstellung des Stadtbildes, der Wiedergutmachung ihrer Sprengung, der Nutzung ihrer Symbolkraft für die Bildung des Gewissens und für die Frage, wie öffentliches Handeln aus christlicher Verantwortung aussehen kann, und für eine Friedens- und Versöhnungsarbeit, die gerade an diesem geschichtsträchtigen Ort besonders eindringlich gestaltet werden kann. Aber auch die Zahl der Gottesdienstbesucher wird voraussichtlich erheblich ansteigen – wie in Dresden. Auch dort hatte man gewarnt: „Dresden braucht keine neue Kirche!“
„Sie soll als Militärkirche wiederaufgebaut werden“
Die Garnisonkirche wird nicht als Militärkirche, sondern als Stadtkirche aufgebaut. Sie wird Eigentum der kirchlichen Stiftung Garnisonkirche Potsdam sein und dem Kirchenkreis Potsdam angehören. Sie wird keine Garnisonkirche sein, sondern den Namen deshalb tragen, weil er im öffentlichen Bewusstsein verankert ist.
„Die Stadt bezahlt unzulässigerweise den Umbau der Breiten Straße, die Übertragung des Grundstücks und den Abriss des Rechenzentrums“
Der Umbau der Breiten Straße erfolgt unabhängig vom Wiederaufbau der Garnisonkirche im Zuge der behutsamen Wiederannäherung an den historischen Stadtkern und wird nur zum geringsten Teil von der Stadt Potsdam finanziert. Die Verpflichtung zur kostenfreien Übertragung des Grundstücks und Abtragung des Rechenzentrums bei einem Wiederaufbau der Garnisonkirche waren bereits bei der Eigentumsübertragung durch die Treuhandgesellschaft Bestandteil der Verträge. Die Stadt hat hier keine freiwilligen Geschenke gemacht.
„Sie wird mit Geld gebaut, das für andere Dinge dringender benötigt wird“
Die Garnisonkirche soll vorrangig aus Spenden wiederaufgebaut werden. Falls sie öffentliche Mittel erhalten sollte, werden wir dafür dankbar sein. Mit der Behauptung, dass Schultoiletten oder die Kanalisation das Geld dringender brauchten, wird jedoch unterstellt, dass Privatleute Geld für diese Aufgaben spenden würden. Wer soll das glauben?
„Die Spenden reichen nicht“
In einem Offenen Brief an den Oberbürgermeister behauptet die Initiative „Potsdam ohne Garnisonkirche“, es werde nicht gelingen, die erforderlichen Spenden zusammenzubringen, sodass eine Bauruine entstehe. Das ist eine Wunschbehauptung. Entgegen dieser etwas scheinheilig klingenden Befürchtung soll die Garnisonkirche in Bauabschnitten gebaut werden, die in sich funktionsfähig sind, damit auch bei einer Bauverzögerung keine „Bauruine“ entsteht.
„Nur eine Minderheit will sie“
Noch vor fünf bis sechs Jahren mag eine Mehrheit der Potsdamer den Wiederaufbau der Garnisonkirche abgelehnt haben, weil sie ihn mit der rückwärtsgerichteten „Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel“ verband. Nachdem man sich aber in der Ausstellung und Kapelle an der Garnisonkirche ein eigenes Bild machen kann, gibt es eine „gefühlte“ Mehrheit für den Wiederaufbau. Die von Gegnern gerne angeführte Abstimmung zum Bürgerhaushalt im Jahre 2012 galt nicht der Frage, ob die Potsdamer die Garnisonkirche wiederhaben wollen. Wer die Minderheit darstellt, ergibt sich aus folgendem Zahlenvergleich: Unsere Fördergesellschaft ist mit 870 Mitgliedern über vierzigmal stärker als die PoG mit etwa 20 Aktivisten. Beim Vergleich der aktiven Unterstützer stehen den rund 150 Demonstranten etwa 2000 Spender gegenüber, also mehr als das Zehnfache.
„Nur Zugezogene wollen sie“
„Zugezogene“ sind wir oder unsere Vorfahren wohl alle. Nach dem Krieg flohen alte Potsdamer und neue zogen zu, die sich heute als „alte Potsdamer“ empfinden, während die zurückkehrenden alten Potsdamer als Zugezogene etikettiert werden. Zugezogen ist auch der Teil der rund 150 linksalternativen Demonstranten aus Berlin. Schließlich ist die brandenburgisch-preußische Geschichte ein Lehrbeispiel dafür, wie Zugezogene das Land vorangebracht haben. Deshalb sollte man auf dieses Argument besser verzichten.
„Ein Fünftel der Fördergesellschaftsmitglieder sind Militärs“
Dies behauptet ein PoG-Flugblatt, an anderer Stelle heißt es 30 Prozent. Mit dieser Behauptung sind vermutlich nur Soldaten der Bundeswehr gemeint, denn die ehemaligen Soldaten der NVA in der PoG werden von dieser offensichtlich nicht als Belastung empfunden. In unserer Fördergesellschaft beträgt der Anteil der aktiven oder ehemaligen Berufssoldaten drei Prozent. Die Angabe der Garnisonkirchengegner liegt damit um den Faktor Zehn neben der Wirklichkeit.
„Sie soll als Symbol für Militarismus wiederaufgebaut werden“
Militarismus besteht bekanntlich in der Überfremdung des zivilen Lebens durch militärische Formen und Gesinnungen sowie in einer Dominanz militärischen Denkens in Politik und Gesellschaft. Er spielt sich also im nichtmilitärischen Bereich ab. Garnisonkirchen als Bestandteil der Militärverwaltung können somit kein Symbol für Militarismus sein.
„Sie war Ausgangspunkt der von Preußen geführten Kriege“
Preußen führte bekanntlich von allen Großmächten die wenigsten Kriege. Kriege wurden im Kabinett beschlossen, Feldzüge wurden im Kriegsministerium und im Großen Generalstab geplant, nicht in Kirchen. Soweit die Quellen es erkennen lassen, wurde in der Garnisonkirche auch nicht zum Krieg gehetzt.
„Für neue Kriege braucht man wieder diesen Militärtempel“
Eine kühne Behauptung der „Friedensspirale“ aus Fahrland. In Wahrheit verweigerte sich Deutschland mehrfach der Teilnahme an militärischen Aktionen seiner Verbündeten. Selbst wenn die Bundeswehr ihre Soldaten für militärische Einsätze geistlich konditionieren wollte (was nicht der Fall ist), hätte sie dabei in unserer überwiegend pazifistisch gesinnten Evangelischen Kirche einen schlechten Partner.
„Protestantismus führt zu Faschismus“
Diese Rufe von Demonstranten beim „Demokratiemarsch“ sind schlichtweg unsinnig. Man kann unserer Kirche manches vorwerfen, nicht aber rechtsextreme Einstellungen.
„Sie ist ein Symbol für das Bündnis von Preußen und Hitler“
Diese Sichtverengung auf den „Tag von Potsdam“ ist in der Tat verbreitet – ein später Erfolg der Propaganda Goebbels’, der Alliierten im Zweiten Weltkrieg und der SED. In den 235 Jahren ihrer Existenz wurde sie aber Symbol für viel mehr: für den Aufstieg Preußens, für die Befreiung von der napoleonischen Besatzung und für die deutsche Einigung, für christliche Ökumene, Missbrauch, Widerstand, Zerstörung und Wiederaufbauwillen und damit für das deutsche Schicksal insgesamt.
„Einen Ort der Schande baut man nicht wieder auf“
Der „Tag von Potsdam“ hatte für die große Mehrheit der Bevölkerung nichts erkennbar Schändliches an sich. Schändlich war das Schweigen der Deutschen zu den Rechtsbrüchen und Verbrechen der Nationalsozialisten.
„An der Garnisonkirche klebt die braune Asche Hitlers“
So sagt es Friedrich Schorlemmer, einziger Theologe, der auf die Anfragen von PoG reagiert hat. Wieso die „Asche Hitlers“ an der Garnisonkirche kleben blieb, ist unverständlich. Wenn Schorlemmer damit meint, dass jedes Gebäude, in dem Hitler sich aufhielt, dadurch kontaminiert wurde und seine Existenzberechtigung verlor, müsste man nun eine Vielzahl von Gebäuden sprengen, allen voran den Bürgerbräukeller in München. Vielleicht hat Schorlemmer aus Freude an seiner griffigen Formulierung ihre Konsequenz nicht bedacht?
„Ihre Zerstörung war ein Gottesurteil“
„Was Gott und die SED genommen haben, sollst du nicht wiederaufbauen“ – Plakatspruch der PoG.
Tatsächlich war es aber nur Ulbricht, der bei einem Potsdam-Besuch im Jahre 1967 gesagt hat: „Das Ding muss weg!“ Von Gott ist eine derartige Äußerung nicht überliefert.
„Sie wird unweigerlich zur Wallfahrtsstätte der Nazis werden“
Dieses Argument ist eingängig, steht aber in krassem Widerspruch zur Wirklichkeit. Bisher haben ausschließlich Linksautonome ihre „Wallfahrten“ zur Garnisonkirche veranstaltet, leider nicht immer friedlich. Rechtsextreme haben keine Affinität zu Kirchen. Die Affinität der Linksextremisten ist vermutlich darin begründet, dass sie sich nur über ein Feindbild definieren können, das sie mit der Garnisonkirche gefunden zu haben meinen.
„Versöhnung ist nur ein Deckmantel“
Gegner der Garnisonkirche behaupten, man habe das Versöhnungskonzept fallen gelassen. Auch diese Behauptung ist unrichtig. Das Nutzungskonzept aus dem Jahr 2005 sah vor, die Garnisonkirche als Internationales Versöhnungszentrum mit einem wissenschaftlichen Direktor und weiterem Personal zu betreiben. Dieser organisatorische Ansatz wurde als zu ambitioniert und zu teuer fallen gelassen. Das Versöhnungskonzept aber wurde inhaltlich weder fallen gelassen noch reduziert. Es ist Richtschnur für unsere Arbeit und wird weiter ausgearbeitet. Bereits heute ist die Garnisonkirchenkapelle Mitglied der Internationalen Nagelkreuzbewegung von Coventry, dessen Propst bei seinem Besuch im Februar sagte: „Baut sie wieder auf!“.
Dass es Menschen mit ablehnender Haltung gibt, stimmt uns nicht unglücklich, solange sie gewaltfrei bleiben. Sie zwingen uns ständig zur Überprüfung unserer Standpunkte. Wir hoffen auf ihre Gesprächsbereitschaft. Zum Schluss möchte ich ein kluges Sprichwort und einen bedeutenden Theologen zitieren. Das Sprichwort lautet: „abusus non tollit usum sed confirmat sustantiam“, übersetzt: „Missbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf, sondern bestätigt das Wesen“ und der Theologe Prof. Dr. Huber hat gesagt: „Wir bauen sie nicht trotz, sondern wegen ihrer Geschichte auf.“ Weil wir aus ihr lernen wollen.
Der Autor ist Vorsitzender der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V. (Potsdamer Neueste Nachrichten, 11.06.2013)

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