21.03.2012 | Das entlastende Foto – Vortrag des Historikers Thomas Wernicke zum Handschlag am „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933

Innenstadt – Heute jährt sich zum 79. Mal der „Tag von Potsdam“, jener vieldiskutierte Staatsakt in der Potsdamer Garnisonkirche anlässlich der Einberufung des neuen Reichstages.

Innenstadt – Heute jährt sich zum 79. Mal der „Tag von Potsdam“, jener vieldiskutierte Staatsakt in der Potsdamer Garnisonkirche anlässlich der Einberufung des neuen Reichstages. In das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat sich ein Foto, das jeder aus dem Geschichtsbuch kennt: Der neue Reichskanzler Adolf Hitler gibt Reichspräsident Paul von Hindenburg die Hand und verneigt den Kopf vor dem Generalfeldmarschall des Ersten Weltkriegs. Was hat es mit dem Foto auf sich, geschossen von Theo Eisenhart, Fotograf der New York Times? Akkreditiert waren zahllose Pressevertreter, auf jedem freien Platz stand ein Fotograf. Warum wurde gerade Eisenharts Foto zum zentralen Symbolbild des Tages von Potsdam? Fragen wie diese bewegten Dr. Thomas Wernicke, Historiker am Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, sich noch einmal eingehend mit dem Geschehen am 21. März 1933 zu beschäftigen. Für ihn ist es der Tag „des Leichenbegräbnisses für die Weimar Republik und die Demokratie“. Seine Rechercheergebnisse stellt Wernicke heute um 19 Uhr im HBPG vor. Titel seines Vortrages: „Der Handschlag am ,Tag von Potsdam’ 1933. Hintergründe eines Mythos“.

Eingehend beschäftigte Wernicke sich auch mit der Genese des Ereignisses. Ohne den Reichstagsbrand hätte Potsdam nie für eine Reichstagseröffnung zur Debatte gestanden, wie Wernicke am Dienstag den PNN erläuterte. Zunächst wurden die Marmorsäle des Stadtschlosses und des Neuen Palais diskutiert, dann jedoch abgelehnt. Sie waren zu klein bzw. zu baufällig. Der Vorschlag für die Garnisonkirche kam dann von Oberbürgermeister Friedrich Bestehorn. Doch die evangelische Kirche und auch Hindenburg wollen keine politischen Debatten in dem Kirchenbau. Wernicke zufolge wurde sich darauf geeinigt, nicht die erste Reichstagssitzung in der Garnisonkirche abzuhalten, sondern lediglich einen Staatsakt. „Daraufhin gaben Hindenburg und die Kirche ihr Einverständnis“, so der Historiker. Die Zeremonie sollte anknüpfen an den 21. März 1871, als Otto von Bismarck Reichskanzler wurde. Wernicke: „Sie wollten mit der Wahl dieses Datums an das alte Kaiserreich anknüpfen.“

Drei Dinge sollten in der Garnisonkirche geschehen – die Rede Hindenburgs, die Hitlers und dann die Kranzniederlegung in der Gruft Friedrich II. Wernicke hat im Deutschen Rundfunkarchiv die originale Radioreportage aus der Garnisonkirche ausfindig gemacht und wird in seinem Vortrag auch vier Ausschnitte vorspielen. Deutlich ist ihm im Ohr, wie Hitler Hindenburg hofiert – „Wir erheben uns vor ihnen, Herr Reichspräsident.“ Hindenburg war so gerührt, dass er Hitler auf der Stelle dankte. So kam es, dass sich Hitler und Hindenburg dreimal an diesem Tag die Hände schüttelten, zur Begrüßung, spontan nach Hitlers Rede in der Kirche und vor der Kirche zum Abschied. Das allen bekannte Foto Eisenharts zeigt die beiden beim Abschied. In der Kirche war das Fotografieren verboten, wohl auch ein Grund für die Karriere ausgerechnet des Abschiedsfotos. Die Nazis, erläutert Wernicke, benutzten das von den Agenturen verbreitete Foto Eisenharts nur wenig. Sie selbst stellten lieber Fotos in den Vordergrund, die die jubelnden Massen zeigen (siehe Foto). Um so mehr fand Eisenharts Schnappschuss nach Kriegsende 1945 Gefallen – sowohl in Ost wie in West. „Da sind nur zwei Leute drauf, Hitler und Hindenburg, das führt zur Entlastung“, vermutet Wernicke. Wer wollte schon zur jubelnden Masse gehört haben – und am Ende vielleicht noch erkannt werden? Fortan wurde das Bild weiter mit Bedeutung aufgeladen. Zeigt es nicht die Täuschung Hitlers, der sich nur scheinbar Hindenburg und den Altkonservativen unterwirft? Von der Potsdamer „Rührkomödie“ ist die Rede. „Das Bild hat sich vollständig verselbstständigt“, resümiert der Historiker. Heute ist es nahezu zum Logo für den „Tag von Potsdam“ geworden – ohne tieferes Hinterfragen. Als Beleg zeigt Wernicke das Buch eines Historikers über den 21. März 1933. Auf dem Buchcover sind Hitler und Hindenburg beim Händedruck zu sehen. Doch etwas fehlt, Hindenburg trägt keine Orden. Das Foto entstand bereits neun Tage vorher, beim Volkstrauertag am 12. März 1933. (PNN vom 21.03.2012, Von Guido Berg)

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