22.03.2013 | „Blankes Entsetzen“ – Generalsuperinten- dentin Heilgard Asmus über den Eklat beim Spaziergang für Demokratie

Frau Asmus, Sie haben am Mittwochabend den Eklat beim Demokratie-Spaziergang zur Erinnerung an den „Tag von Potsdam“ miterlebt. Was haben Sie gedacht, als plötzlich am

Frau Asmus, Sie haben am Mittwochabend den Eklat beim Demokratie-Spaziergang zur Erinnerung an den „Tag von Potsdam“ miterlebt. Was haben Sie gedacht, als plötzlich am Standort der ehemaligen Potsdamer Synagoge linke Aktivisten mit Fackeln, Nazi-ähnlichen Armbinden und Preußen-, Wehrmachts- und SA-Uniformen aufmarschiert sind?

Ich empfand blankes Entsetzen. Und ich hatte eine Gänsehaut wegen des Gefühls, dass die Geschichte so bildlich wiederholt wurde. Ich habe die Aktion aber auch nicht verstanden: Denn wo andere sich bemühen, Geschichte aufzuarbeiten und an die Opfer der NS-Diktatur zu erinnern, stellt man sich in diesen martialischen Aufzügen hin. Das habe ich deswegen als grausame Verhöhnung der Betroffenen empfunden.

Können Sie das näher erklären?

Zum Beispiel stand an der Nikolaikirche eine alte Frau neben mir, die die damalige Zeit mitgemacht hat. Ihr standen Tränen in den Augen, weil sie den Anblick der Fackelträger nicht ertragen konnte. Und sie ist dann auch gegangen.

Von der Nikolaikirche aus sollte der Spaziergang zur Garnisonkirche führen. Die Aktivisten liefen in dieser Situation voran, danach kamen die anderen Teilnehmer. Sie sind zusammen mit Oberbürgermeister Jann Jakobs einen anderen Weg gelaufen. Warum?

Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass alle den linken Aktivisten folgen. Solche Bilder brauchen wir in einer Demokratie nicht. Deswegen haben wir in aller Freiheit einen anderen Weg gewählt.

Die Situation zeigte aber auch, dass die Organisatoren des Spaziergangs von dem Protest überrascht wurden, es herrschte beträchtliche Ratlosigkeit. Hat man im Vorfeld unterschätzt, dass es zu Protesten kommen könnte?

Wir haben schon erwartet, dass es Formen des Protests gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche gibt – aber nicht solche Grenzüberschreitungen. Und die gab es reichlich. Es ging ja nicht nur um den Fackelzug, sondern auch um Zwischenrufe und Rempeleien. Ich musste am Ende abgeschirmt werden, dass ich überhaupt noch sprechen konnte. Und leider ist es ja auch so: Bei der Vorbereitung des Spaziergangs war niemand aus dieser Fraktion anwesend, dort hätte man sich einbringen können. Aber das tun diese Personen ja wohlweißlich nicht.

Können Sie das erläutern?

Man hat deutlich gesehen: Es ging ihnen nicht um die gesprächsfähige Auseinandersetzung mit der Geschichte. So haben die Gegendemonstranten zum Beispiel nicht aufgenommen, dass die evangelische Kirche Otto Dibelius für sein Wirken kritisiert …

Sie meinen den früheren Generalsuperintendenten, der am 21. März 1933 die Festpredigt gehalten hat und dabei die neuen Machthaber für die Maßnahmen nach dem Reichstagsbrand lobte sowie den Machtantritt Hitlers begrüßte …

Ja. Als evangelische Kirche versuchen wir uns mit solchen Aspekten unserer Geschichte auseinanderzusetzen. Dazu sollte die Veranstaltung dienen. Sie hätte ein demütiger Spaziergang werden können, um zu erinnern, wie sehr sich unsere Vorgänger geirrt haben. Doch darum ging es leider nur noch am Rande. Andersherum waren wir aber fest entschlossen, den Spaziergang zu Ende zu bringen: Stellen Sie sich vor, wir hätten das Gedenken abgebrochen, weil nicht der Tag von Potsdam 1933 erschreckend war, sondern die Art, wie linke Aktivisten 2013 damit umgehen. Das wäre fatal gewesen.

Was bedeutet der Eklat für das Projekt des Wiederaufbaus der Garnisonkirche?

Ich gehe nicht davon aus, dass diese Eskalation etwas verändert. So eine Art von Gesinnungsdiktatur kann ein solches Projekt nicht kaputt machen. Von meiner Seite gibt es auch weiter Gesprächsbereitschaft, mit Gegnern des Wiederaufbaus zu diskutieren, am besten im Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus – aber unter der Bedingung, dass es wechselseitige Verständigungsbereitschaft gibt. Ich setze mich nicht in eine Brüllstunde.

Die Gegner sagen, die Mehrzahl der Potsdamer will die Kirche nicht.

Ich weiß nicht, woher diese Gewissheit kommt und kenne keine Zahlen dazu. Ich bin überzeugt, dass diese Kirche ein wichtiger Ort für das ganze Land Brandenburg mit ähnlicher Ausstrahlungskraft wie die Frauenkirche in Dresden werden könnte. Bei den Gegnern fällt mir auch Unkenntnis auf. So kommt immer wieder das Argument, die Kirchen in Potsdam seien leer – und wozu dann noch ein neues Gotteshaus gut sei. Dazu kann ich nur sagen: Kommen Sie sonntags in die Nikolaikirche, da sind bei normalen Gottesdiensten rund 200 Menschen.

Die Fragen stellte Henri Kramer (PNN vom 22.03.2013)

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