13.05.2015 | Befreiung noch nicht abgeschlossen

Konrad Raiser zum 8. Mai 1945 – Rede in der Nagelkreuzkapelle Potsdam am 08.05.2015 zum Thema "Zur Freiheit befreit - die Bedeutung des 8. Mai heute".

„Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung“ -  die Worte des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum Ende des Zweiten Weltkrieges gelten für Konrad Raiser, den ehemaligen Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), noch heute. Was von Weizsäcker am Anfang seiner historischen Rede im Bonner Parlament  1985 zum 40. Jahrestag des Weltkriegsendes in Europa  sagte, habe Kirche und Gesellschaft damals tief bewegt. Es habe in der evangelischen Kirche sogar bis 1985 gedauert, bis sie die Kraft fand, sich in einer eigenen Denkschrift zum Staat des Grundgesetztes zu bekennen und absolute Herrschaftsansprüche abzulehnen. Nur die demokratische Ordnung garantiere demnach Befreiung. Das Gedenken an das Kriegsende müsse seine  Entsprechung finden, im Einsatz für die Menschenwürde und sie sei erste Aufgabe der Demokratie, sagte Raiser auf  eine anschließende Nachfrage. Er  fügte dann hinzu: „Die Kirche stellt sich nicht immer der Herausforderung, die darin liegt.“ Zur Würdigung der Demokratiedenkschrift der EKD, die im selben Jahr wie Weizsäckers Rede entstanden war, hielt Raiser fest, sie habe klar die Würde des Menschen als eine Gabe Gottes benannt. Der demokratische Staat sei Angebot und Auftrag für Christen.  Der Prozess der Befreiung sei aber noch nicht abgeschlossen, das zeige die Auseinandersetzung mit der politisch Rechten in Deutschland.

In seiner Gedenkrede in der Nagelkreuzkapelle in Potsdam (am Freitagabend), der ein Gottesdienst mit Pfarrerin Cornelia Radeke-Engst, Generalsuperintendentin Heilgard Asmus und dem Katholischen Propst Klaus Günter Müller vorausgegangen war,  hatte Raiser herausgestellt, der 70. Jahrestag des 8. Mai stehe für die Wahrnehmung einer umfassenden Wahrheit. Der Tag als ein das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte sei vom 30. Januar 1933 nicht zu trennen. Dazu zählten 60 Millionen Kriegstote, davon allein 26 Millionen Russen, 6 Millionen Deutsche und der Holocaust an 6 Millionen Juden. Die Erinnerung daran wachzuhalten sei immer schwieriger. Der Tag des 8. Mai galt einerseits als Symbol für die Niederlage Deutschlands, andererseits – so in der DDR – habe man über Jahrzehnte einen offiziellen Feiertag begangen. Zum Tag der Befreiung gehöre die Frage der Schuld. Für viele Völker sei der Prozess der Befreiung zu einer neuen Form von Unterdrückung geworden. Als Fazit habe von Weizsäcker, so Raiser, formuliert: „ Wir alle, ob alt oder jung müssen die Vergangenheit annehmen.“

 

Mit seinen Ausführungen gelang Raiser ein Brückenschlag zwischen der Zerstörung, die am Ort der ehemaligen Garnisonkirche noch immer unfasslich ist, und dem Frieden- und Freiheitswillen, für den der 8. Mai für immer stehen wird.  Die Zuhörer äußerten sich am Ende des Wortbeitrags mit  großer Anerkennung. Radeke-Engst hatte schon zu Beginn angemerkt, in allen Nagelkreuzkapellen Deutschlands werde heute des Kriegsendes gedacht und mit den präsidialen Worten Weizsäckers gesagt: „Schauen wir an diesem 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.“

 

Zur Information:

Richard Karl Freiherr von Weizsäcker (1920 – 2015) war von 1984 bis 1994 der sechste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Bis zu seinem Tod gehörte er dem Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche an.

Der evangelische Theologe Dr. Konrad Raiser (Jahrgang 1938) war von August 1992 bis Dezember 2003 Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen. Er lebt in Berlin.

Die Denkschrift der EKD im Jahr 1985 trug den Titel: Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie. Der Staat des Grundgesetzes als Angebot und Aufgabe.

Die Nagelkreuzkapelle steht am Standort der zerstörten Potsdamer Garnisonkirche, die am 14. April 1945 bei einem Angriff alliierter Bomber in Brand geriet, schwer beschädigt und 1968 durch eine Verfügung der DDR-Staatsorgane unter Walter Ulbricht gesprengt wurde. Der Wiederaufbau der traditionsreichen preußischen Kirche  wird von der Stiftung Garnisonkirche Potsdam, der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche und der lokalen Initiative Bündnis Potsdamer Mitte („Mitteschön“) betrieben.

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