06.04.2015 | "Als Nachgeborene auf hohem Ross"

Fernsehfilm korrigiert historische Sicht auf Potsdamer Garnisonkirche 

70 Jahre nach der Zerstörung Potsdams am 14. April 1945 ändert sich die Sicht auf die historischen Ereignisse um die Potsdamer Garnisonkirche doch. Das zeigt ein Film „Geheimnisvolle Orte“ des Regisseurs  Dr. Dr. Joachim Castan mit neu aufgefundenen Filmen und Fotos, den der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) am Tag der Bombardierung (14. April 2015, 20.15 Uhr) in seinem Fernsehprogramm zeigen wird.

In einer Vorpremiere war die Dokumentation bereits (am 8.4.) in der Nagelkreuzkapelle in der brandenburgischen Landeshauptstadt zu sehen. Der Filmemacher und Historiker Castan sagte, Zeitzeugen und Filmbilder belegten, der bekannte Handschlag zwischen dem Weimarer Reichpräsidenten Paul von Hindenburg und Adolf Hitler habe gar nicht im Mittelpunkt der damaligen Feierlichkeit gestanden und sei erst später durch die Nazi-Propaganda zu einer politischen Anerkennung des Führers umgedeutet worden. Die Begeisterung der Massen sei nicht durch Hitler entstanden, sondern habe allein dem Reichspräsidenten und Generalfeldmarschall Hindenburg sowie der damals herrschenden nationalen Gesinnung gegolten. „Man sitzt als Nachgeborener auf einem hohen Ross“, urteilte der Filmemacher.

 

Ein in der Dokumentation befragter Zeitzeuge, Wilhelm Strinzing, bestätigt die Sicht: „Hitler ist eigentlich nicht in Erscheinung getreten“, sagt er zum damals durch die Nazi-Medien völlig anders dargestellten Ereignis vor der Garnisonkirche. Die typische Ikonographie des Handschlags sei später immer wieder durch ein Foto eines New York Times Fotografen erneuert worden,  meinte Castan, der mit der Produktionsgesellschaft „Filmkontor“ im Auftrag des rbb die Geschichte der Kirche neu aufgerollt hat.

 

Der Film stellt mit eindrücklichem Bildmaterial die Sprengung der preußischen Hof- und Militärkirche 1968 durch DDR-Staatsorgane unter Walter Ulbricht dar. Der darin interviewte Zeithistoriker Professor Dr. Martin Sabrow (Potsdam) bezeichnete das Vorgehen der DDR als Versuch, das Erbe des Faschismus zu sprengen und 233 Jahre preußische Geschichte auszulöschen.  Dass gegen den Beschluss der damaligen Potsdamer Stadtverordneten immerhin vier Abgeordnete stimmten, nannte  ein damaliger Stadtverordneter in der Veranstaltung mutig. Zudem seien ein Drittel der Parlamentarier zur Abstimmung erst gar nicht erschienen. Dem Argument, dem sozialistischen Neuaufbau nicht im Wege  stehen zu dürfen, habe er damals in der Versammlung entgegnet: „Man kann sich nicht an einem Bauwerk rächen.“

 

Neu in der filmischen Darbietung ist schließlich eine dreidimensionale Computeranimation, die erstmals das zerstörte Kirchenschiff in seiner  typisch reformierten Schlichtheit wiedererstehen lässt.  

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