29.05.2013 | Als Kästners Bücher brannten

In der Garnisonkirchen-Kapelle las Autorin Grit Poppe gestern Texte des einst verfemten Schriftstellers „Alles außer Emil“ lautete die Parole, mit der Studenten und Professoren am 10. Mai 1933

In der Garnisonkirchen-Kapelle las Autorin Grit Poppe gestern Texte des einst verfemten Schriftstellers

„Alles außer Emil“ lautete die Parole, mit der Studenten und Professoren am 10. Mai 1933 die Bücher von Erich Kästner auf dem Berliner Opernplatz ins Feuer warfen. Die Geschichte„Emil und die Detektive“ war damals schon so bekannt, dass die Nationalsozialisten das Kinderbuch verschonten. Für den Autor war das kein Trost: Erich Kästner musste mit eigenen Augen ansehen, wie seine Werke in Flammen aufgingen.Von den Zehntklässlern des Humboldt-Gymnasiums, die gestern die Garnisonkirchen-Kapelle besuchten, hatte fast jeder schon einmal ein Buch von Erich Kästner gelesen. „Das doppelte Lottchen“, „Pünktchen und Anton“ oder der berühmte „Emil“ sind aus den meisten Bücherregalen kaum wegzudenken. So auch bei Grit Poppe. Die Potsdamerin, selbst Jugendbuchautorin, hat Kästner schon als Kind gemocht. Gestern las sie den Gymnasiasten im Rahmen der Veranstaltungsreihe zur Bücherverbrennung vor 80 Jahren aus seinen Texten vor.

Auch ein Auszug aus seinen Erinnerungen an den 10. Mai 1933 war dabei: „Ein Tag, der mir die Kehle zuschnürte“, wie er schrieb. „Es muss ein furchtbares Gefühl für Erich Kästner gewesen sein, als seine Bücher brannten“, sagte auch Grit Poppe, die selbst zwar nie ein Verbot ihrer Bücher erlebt hat, wohl aber Steine, die ihr aus politischen Gründen in den Weg gelegt wurden. So arbeitete die heute 49 Jahre alte studierte Literatin in den 1980er Jahren in der ehemaligen DDR an einem Romanentwurf, als sie kurz vor der Fertigstellung von ihrer Lektorin zu hören bekam: „Da fehlen die roten Punkte, das wird in der DDR nie veröffentlicht.“ Grit Poppe legte den Entwurf in die Schublade und hatte einen Ansporn mehr, sich von 1989 bis 1991 in der Bürgerrechtsbewegung „Demokratie Jetzt“ zu engagieren.

Erich Kästner hat sich später oft gefragt, ob er am 10. Mai auf dem Opernplatz nicht hätte protestieren müssen. „Seine Texte zeigen, dass er seine eigene Haltung sehr kritisch gesehen hat“, sagte Grit Poppe. „Ich aber finde, es war sehr mutig von ihm, überhaupt zur Bücherverbrennung zu gehen und später in Deutschland zu bleiben.“ Als einer der wenigen von den Nationalsozialisten verfemten Schriftstellern blieb der 1899 in Dresden geborene Erich Kästner in seiner Heimat und ging nicht ins Exil.

Die Frage, wie sie sich selbst zu dieser Zeit verhalten hätten, beschäftigte auch die Gymnasiasten, die Grit Poppe gestern aufmerksam zuhörten. „Mir scheint das alles völlig unbegreiflich“, sagte eine Schülerin im Anschluss an die Lesung. Die Erinnerung an die Geschichte sei deshalb umso wichtiger, vor allem, solange es noch Zeitzeugen gibt, meinte Grit Poppe – und ließ Erich Kästner ein Gedicht vom Tonband sprechen.

Den Abschluss der Reihe „Bücherverbrennung und Zensur“ bildet morgen um 19.30 Uhr in der Garnisonkirchen-Kapelle ein Leseabend mit Musik, den Pfarrerin Juliane Rumpel mit Humboldt-Schülern gestaltet. (Märkische Allgemeine Zeitung, 29.05.2013, von Meike Jänike)

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