27.06.2011 | „2017 steht der Turm“

Am Samstag wurde die Kapelle an der Garnisonkirche eingeweiht. Gegner des umstrittenen Projektes verlasen „Widerruf aus Potsdam“. Johann-Peter Bauer ist optimistisch, dass der Wiederaufbau

Am Samstag wwurde die Kapelle an der Garnisonkirche eingeweiht. Gegner des umstrittenen Projektes verlasen „Widerruf aus Potsdam“.

Johann-Peter Bauer ist optimistisch, dass der Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam in den nächsten zehn Jahren gelingt. Der Vorsitzende der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau äußerte am Samstag am Rande der Einweihung der Kapelle am Garnisonkirchenstandort: „Im Jahre 2017 steht der Turm.“ Der genaue Termin sei das 500. Reformationsjubiläum am 31. Oktober 2017.

Bis zum Ende dieses Jahres werde das Münchener Architekturbüro Hilmer & Sattler die Planungen vorlegen. 1,4 Millionen Euro sind hierfür aufzuwenden. Das Geld stammt laut einer Mitteilung der Evangelischen Kirche aus Spenden sowie aus „SED-Unrechtsgeldern“.

Wahrscheinlich noch bis Ende des Jahres will die Fördergesellschaft die Trophäen und die historische getreu neu angefertigte Wetterfahne der Turmspitze an exponierter Stelle aufstellen. Es handelt sich um ein acht Meter hohes vergoldetes Kunstwerk. „Wir haben eine Erbschaft gemacht“, sagt Bauer zur Finanzierung. Wie berichtet hat eine inzwischen verstorbene 93-jährige Frau aus Bad Pyrmont die Fördergesellschaft mit 700 000 Euro als Alleinerbin eingesetzt. Dazu kommt noch der Erlös aus dem Verkauf einer Eigentumswohnung, die die Verstorbene besessen hatte. Ab sofort wirbt die Fördergesellschaft zudem mit einem neuen „Katalog der Fassadenschmuckelemente“ um Spender. In der Broschüre werden alle Putten und Skulpturen nebst ihren Kosten detailliert aufgelistet.

Auf den Baubeginn für den 88,43 Meter hohen Turm will sich Bauer nicht festlegen. Daran sei erst zu denken, wenn die Verschwenkung der Breiten Straße, die derzeit teilweise über das Grundstück verläuft, erfolgt sei. Die Kosten für die Rekonstruktion des Barockbauwerkes von Philipp Gerlach (1697 – 1748) belaufen sich auf 39 Millionen Euro.

Zum Gottesdienst anlässlich der Einweihung der temporären Kapelle vor der Schmuckfassade des Langen Stalls hatten sich am Samstag rund 300 geladene Gäste versammelt. Den feierlichen Akt zelebrierte Juliane Rumpel. Die junge Frau ist nach eigenen Worten „Pfarrerin im Entsendungsdienst des Kirchenkreises Potsdam mit pfarramtlichen Diensten der Stiftung Garnisonkirche“. Stadtpfarrerin sei sie nicht, erklärte sie gegenüber den PNN. „Diese Stelle ist vakant.“

Die Predigt hielt Wolfgang Huber. Der frühere Bischof ist Vorsitzender der Garnisonkirchenstiftung, die es seit 2008 gibt. Im Zentrum der feierlichen Einweihung der für 350 000 Euro errichteten Kapelle stand der originale eichene Feldaltar mit zwei Schinkel-Leuchten und einem Nagelkreuz. Huber: „Der Altar war ursprünglich ein Feldaltar. Er wirkt wuchtig, aber er war zum Transport bestimmt. Denn die Soldaten des preußischen Königs mussten damit rechnen, begleitet von einem Feldaltar, ‚zu Felde’ zu ziehen. Die Lehre vom gerechten Krieg, in der sie unterwiesen wurden, vertreten wir heute nicht mehr.“ Das Nagelkreuz wurde der Garnisonkirche 2004 anvertraut. Huber: „Wir gehören damit zur internationalen Nagelkreuzgemeinschaft, die sich von Coventry ausgehend dem Bekenntnis der Schuld, der Überwindung der Gewalt und der Versöhnung zwischen den Völkern verschrieben hat.“

Eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes hatten sich etwa zehn Vertreter einer Bürgerinitiative „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ eingefunden, um gegen den Wiederaufbau zu protestieren. Ihr Wortführer Markus Große, Absolvent der Fachhochschule Potsdam, verlas dazu einen „Widerruf aus Potsdam“. Darin heißt es: „Voller Unverständnis und Empörung hörten wir jene Botschaft, die vor Jahren als Ruf von Potsdam ihren Weg in die Welt suchte und zum Wiederaufbau eines unheilvollen Symbols aufrief.“ Es sei falsch, die Zerstörung der Kirche auf die Sprengung der Ruine im Jahre 1968 zu reduzieren. Aus stadtbauästhetischen Aspekten sei ein städtebaulicher Wettbewerb für das gesamte Areal sinnvoll und nicht die solitäre Rekonstruktion dieses militärischen Symbols. (Von Günter Schenke, PNN vom 27.06.2011)

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