22.04.2017 | WortOrt: "Oh, mein Gott" - Bürgerkanzel in der Nagelkreuzkapelle

WortOrt: Oh mein Gott am 4.3.2017

Rechtsanwalt Dr. Thorsten Purps

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

Sehr geehrte Frau Radeke-Engst

Liebe Gemeindemitglieder, Suchende, liebe Zuhörer,

Im Johannes Evangelium heißt es zu Beginn: „Im Anfang war das Wort.“ Wagt man jedoch einen Blick auf die planetarischen Entgleisungen weltweit, könnte man geneigt sein, das Johannes Evangelium an dieser Stelle neu zu schreiben:

Im Anfang war der Zorn?

Der Bibel ist das Phänomen des (menschlichen) Zorns wahrlich nicht fremd.

Mt 5, 22 Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts.

Brief des Paulus an die Kolosser 3, 8 Nun aber legt alles ab von euch: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung , schandbare Worte aus eurem Munde

Der Zorn; was ihn auslöst und wie man ihn am besten einfängt: davon soll heute die Rede sein: 

1.

Was ist für mich Gott? Wie geht es mir damit? Ist er konkret für mich oder eher abstrakt und undefiniert? Spielt das in meinem Leben überhaupt eine Rolle? Gibt es Ersatz für Gott?

2.

Nur ein Auszug aus einem Fragenkatalog in der freundlichen Einladung meiner Person durch die Initiative zum Wiederaufbau der Garnisonkirche zum heutigen gemeinsamen „Suchdienst der an Gott und am Glauben interessierten Mitmenschen“.

Solche Fragen stellen sich nicht in einem losen Zusammenhang. Hinter solchen Fragen verbirgt sich eine Hintergrundstrahlung, die wiederum die Frage aufwirft: Warum frage ich mich das eigentlich? Die Antwort ist denkbar einfach: Weil es einen Bezugspunkt gibt, den man unter den Chiffren „Sorge, Ängste aber auch Hoffnung“ Tag täglich erlebt, erleidet und begreift.

 Vor einer Kaltwetterfront der heutigen Realität im Zeichen von 

  • Flüchtlingsdramen, im Zeichen

  • des Neo-Nonsens Populismus nebst diffuser Ethik im politischen Diskurs (hier kursieren neuerdings Namen und Begriffe wie PEGIDA, AfD oder Trump, Putin, Erdogan, Duterte, Le Pen, Wilders und im eigenen Revier Höcke sowie Petry) oder

  • der Abgründe des Weltterrorismus

 

(um nur wenige Platzhalter moralischer Verwüstungen der neuen Zeit zu füllen), vor einer solchen Kälteperiode der Gegenwart könnte die Frage nach Gott, nach meinem Verhältnis von Religion und weltlicher Vernunft im Zeichen des Zorns gerade an einem denkwürdigen Ort der Geschichte Wärme spenden, um nicht gar zu sagen Trost und Orientierung schenken.

Lassen Sie mich an dieser Stelle jedoch etwas Persönliches bekennen: Ich selbst habe mich trotz einer streng katholischen Vita im Elternhaus ebenso wie in der Schule immer etwas „religiös unmusikalisch“ gefühlt, womit ich eine berühmte Wendung des Philosophen Jürgen Habermas ein wenig überstrapazieren möchte.  Grund hierfür waren und sind auch zahlreiche Deutungsrisse als Folge von Missbrauchsvorlagen in den Heiligen Texten, wie dem berühmten „coge intrare“ aus dem Lukas Evangelium 14,23. „Und Der Herr sprach zu seinem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraße und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.“ Übrigens…..

 Das hat mich gleichwohl nicht davon abgehalten, intensiv über das Verhältnis von Religion und weltlicher Vernunft zu sinnieren, vielleicht sogar erst ermuntert. Das Ergebnis einer 8 jährigen Klausur in eigener Sache habe ich im letzten Jahr auf der Leipziger Buchmesse unter dem Titel

„Die Zornschaukel- Ursprünge der enthemmten Gesellschaft“

präsentiert, womit ich keine Werbekampagne einleiten, vielmehr eine Antwort auf die Frage   geben möchte: Religion – ist das für mich wichtig und überhaupt zeitgemäß? In diesem Buch habe ich ein klares JA sinnbildlich in Stein gemeißelt.

Um Sie vor einer Inflation von Thesen, Begriffen und Weltsichten zu bewahren, möchte ich die Kernaussagen wie folgt ummanteln: 

  1. Es kommt nicht darauf an, was Du glaubst, sondern wie Du Dich benimmst (eine alte Weisheit aus der vorantiken Achsenzeit, worauf Karen Amstrong in Ihrem monumentalen Werk „Der große Umbruch“ hinweist). Ethik ist wichtiger als Religion (Dalai Lama) Doch ich füge hinzu: Religion ist immer auch Ethik, so dass wir uns ihr kaum entziehen können.

  2. Haltung und Achtsamkeit als Ausgangspunkt für eine Versöhnung statt Vergeltung vor der Eskalation. Hier setze ich auf die Wiederbelebung von Resonanzräumen im vernünftigen Austausch von Argumenten, die scheinbar verborgen vor der Weltöffentlichkeit in den Foren der theologischen Institutionen ebenso wie in den Arenen der Schulphilosophie längst wieder angekommen sind.

 Erlauben Sie mir daher aus meinem Buch vorzulesen:

4,5 Seiten aus dem Buch

(.......)

Wenn sich das herumspricht, kann man die Versöhnung

  • der Religion und weltlichen Vernunft

  • der (vor allem monotheistischen) Religionen untereinander

  • und der Philosophie mit der Naturwissenschaft

gar nicht verhindern.

Wenn das gelingen sollte, wird so manche Quelle der Eskalation versiegen. Versöhnung vor der Eskalation hat mit Haltung und Achtsamkeit, also mit alltäglicher Vernunft zu tun. Versöhnung nach der Eskalation mit Größe  und Gnade, vielleicht mit begnadeter Größe, also mit einer Art göttlicher Haltung.

Um diesen Unterschied und Zusammenhang ganz praktisch vor Augen zu halten, möchte ich zum Schluss an das dramatische Ereignis vom 13.11.2015 in Paris erinnern. Wenn über Versöhnung statt Vergeltung gesprochen wird, dann bietet sich eine schmerzliche Erinnerung an diesen Abgrund menschlicher Rücksichtlosigkeit wie von selbst an. Mich hat dieser schockierende Terrorakt ebenso wie der 11. September nicht mehr losgelassen. Vor allem ein Bild, das damals um die Welt ging: ein kleiner Junge mit dem Vater vor einem Blumen- und Kerzenmeer. Dieses Bild hat mich angespornt, ein Gedicht zu schreiben, welches ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

(.....) 11 Strophen mit jeweils 4 Versen

Mit diesen hoffnungsvollen Worten möchte ich schließen und einer Idee Tribut zollen, die sich, wie bereits erwähnt, keineswegs den Verdacht einer schwärmerischen Naivität aussetzen muss. Versöhnung statt Vergeltung. Oh mein Gott, es liegt ja in der Hand eines jeden von uns Gottsucher (innen) und Menschen auf der Suche.

 

WortOrt: Oh mein Gott am 18.3.2017

Oberbürgermeister Jann Jakobs

Als ich 1953 in Eilsum/Ostfriesland geboren wurde, gehörte es zur Familientradition, getauft zu werden und sonntags die Kirche zu besuchen. Die Region, in der ich aufgewachsen bin, ist geprägt vom Jahrhunderte währenden Kampf gegen Sturmfluten und von einer relativen Abgeschiedenheit der Region durch Moore. Ein fester Glaube an Gott war überlebenswichtig, Rituale wie Gebete und der Besuch von Gottesdiensten gaben nicht nur Struktur, sondern viele Male  auch Hoffnung und Halt.

Dabei ist die calvinistische Prägung in den ostfriesischen Kirchen unübersehbar. Sie sind schmucklos, die Predigten wirkten damals streng und moralisch, und der Glaube als besonders wertvolles Gut überhöht. Gott stand im Mittelpunkt, er teilte die Menschen in Auserwählte und nicht Auserwählte und war die einzige Gewissensinstanz. Den übermächtigen Ansprüchen, die durch den Glauben an die Menschen - an mich - gestellt wurde, konnte man eigentlich nicht gerecht werden. Hier war der Glaube auch ein Instrument, den Menschen klein zu halten. Das hat mich in meiner Kindheit und Jugend geprägt. Als junger Mann habe ich deshalb oft mit „meinem Gott“ gehadert. Ich war einerseits fasziniert von der Reichweite des Glaubens, von der tiefen Verwurzelung der christlichen Werte in einer komplexen Welt. Und ich war fasziniert von der sozialpolitischen Scharnierfunktion der Kirchen in unserer Gesellschaft. Andererseits hat mich die übermächtige Institution Kirche, deren Einfluss bisweilen tief in das Private der Menschen reichte immer auch ein stückweit enttäuscht. Doch eines habe ich nie gemacht, ich bin nicht aus der Kirche ausgetreten. Das war für mich keine Option und das wird es auch nicht sein, egal, wie oft und wieviel ich noch mit meinem Gott hadern werde.

Es ist heute in einer weitgehend verweltlichten Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich, dass Menschen an Gott glauben, mit ihrem Glauben ringen und sich Frage nach dem Sinn des Lebens und nach dem Woher und Wohin dieser Welt stellen. Dennoch bin ich überzeugt, dass viele Menschen sich fragen, was nach dem Tod geschieht, ob es diesen einen Gott gibt? Niemand vermag auf diese Fragen befriedigende Antworten zu geben, und das ist das Plus der großen Religionen, dass sie in Aussicht stellen, dass Gott diese Fragen nicht ohne Antwort gelassen hat. Sie wenden sich den Religionen zu und tragen ihre entscheidenden Fragen vor Gott, denn im Glauben erhoffen sie sich Antwort.

Die beschriebene Sinnsuche beschreibt für mich ganz passend Augustinus in seinen „Bekenntnissen“:

Du hast uns auf dich hin erschaffen, o Gott, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir!

Also treibt es jeden von uns irgendwann einmal um, die ultimative Sinnfrage zu stellen? Oder sich zu fragen, was ist Gott für mich? Für mich ist Gott etwas Abstraktes und nicht konkret Greifbares, vielmehr eine über unseren Worten stehende Orientierung, die in meinem Leben einen festen Platz hat. Ein Leben ohne diesen spirituellen Ankerpunkt kann ich mir nicht vorstellen, wenngleich ich nicht so weit gehen würde zu sagen, dass es mir als Lebensmuster genügt hätte, mein Leben an Jesus Christus auszurichten.

Ich bewundere Menschen für eine sehr intensive und fokussierte Gottesbeziehung und die ein inbrünstiges Verhältnis zu Gott haben und es auch authentisch leben. Ich kann dieser Geisteshaltung auch durchaus etwas Positives abgewinnen, denn sie steht für ein besonderes Vertrauen in Gott, die Glaubensgemeinschaft und die Mitmenschen. Für mich persönlich ist es allerdings schwer vorstellbar, meinen Weg, meine Zukunft und das, was mich ausmacht, allein in „Gottes Hand“ zu legen, mich sprichwörtlich nur durch den Willen Gottes bewegen zu lassen. Vielleicht ist es ein Stück Friesische Freiheit in mir, die dagegen rebelliert. Mir war es immer wichtig, im Hier und Jetzt zu leben. Die Liebe zu meiner Frau, die Liebe, die ich für meine Kinder empfinde sind immer ein zentrales Motiv gewesen, mit ganzem Herzen und ganzer Kraft jeden Tag an mir zu arbeiten, um ein besserer Mensch zu werden. Mich für meine Mitmenschen einzusetzen, und für gerechte Verhältnisse zu kämpfen im Kleinen wie im Großen. Bei näherer Betrachtung sind das letztlich christliche Werte, die dieser Motivation zugrunde liegen. Besonders während meines Soziologiestudiums in Berlin habe ich erfahren, wie tief die Verwurzelung der christlichen Werte in unserer Gesellschaft ist. Wie nah sich religiöse Motive und sozialpolitische Ansätze sind, wenn es um die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen geht. Deswegen kann die Antwort auf die Frage, ob die Religion noch zeitgemäß ist, auf jeden Fall für mich mit ja beantwortet werden. Sie ist auch nicht zu ersetzen, vielmehr ergänzt sie bestehende Verhältnisse, gibt Ursprung und Anlass und ist Motor der politischen Bemühung um soziale Gerechtigkeit. Das starke Schultern mehr tragen und dass man sich um seinen „kranken Nachbarn“ bemüht, – so wie wir es später noch im bekannten Abendlied nach Matthias Claudius hören werden – sind für mich allerdings Eigenschaften, die ich nicht ausschließlich einem guten Christen zuschreiben würde, sondern einem guten und emphatischen Menschen.

Vielleicht ist das der kleine, nicht unwesentliche Unterschied in der Betrachtung der Dinge. In unserer Lebenswelt verhalten sich viele Menschen christlich, oder orientieren sich an christlichen Werten wie Nächstenliebe, Hoffnung und Gerechtigkeit. Besonders in den letzten Jahren, in denen unsere Stadt die Herausforderung einer Flüchtlingswelle meistern musste, haben wir das erlebt. Denn geschafft haben wir das nur, weil wir als Gemeinschaft zusammen gehalten haben, weil die Kirchen und Religionsgemeinschaften sich auf ihre ursprünglichen Kräfte verlassen konnten und weil wir nicht den Glauben daran verloren haben, dass wir das meistern können. Wir, als Stadtgesellschaft, wir waren die breiten Schultern, und ich habe viele Bürgerinnen und Bürger erlebt, die sich auch außerhalb der Kirchengemeinschaften für ihre Mitmenschen eingesetzt haben, aus reinem Altruismus.

Denn folgt man den aktuellen Zahlen dann leben in Potsdam nur ca. 30.000 Christinnen und Christen verschiedener Konfessionen. Davon gehören etwa 25.000 den 22 evangelischen und ca. 5.000 den beiden katholischen Gemeinden der Stadt an. Das ist bei einer Bevölkerungszahl von zuletzt 172.000 Einwohnerinnen und Einwohnern eine eher geringe Anzahl. Vermutlich liegt es daran, dass die Grenzen zwischen einer urkundlich verbrieften Religionszugehörigkeit, dem Interesse an Glauben und Gemeinschaft und der Sinnsuche nach Gott zunehmend verschwimmen.

Und wenn man die Diskussion um den Wiederaufbau der Garnisonkirche verfolgt, dann erlebt man eine sehr intensive, öffentliche Auseinandersetzung, ob und wie hier an dieser Stelle ein Gotteshaus errichtet wird. Da sprechen sich bekennende Christen gegen den Wiederaufbau aus und glühende Atheisten setzen sich dafür ein, dass hier in der Mitte der Stadt die kirchliche Gemeinde wieder ihren Platz bekommt. Ich finde, dass die Zerstörung der Garnisonkirche und der Abriss auf Geheiß der SED-Führung 1968 nicht das letzte Wort über diese einstmals schönste Barockkirche Norddeutschlands gewesen sein darf.

Der Wiederaufbau der Garnisonkirche dient zugleich der Erinnerung und Mahnung. Die Zustimmung zum Wiederaufbau wurde mit einem Konzept einer aktiven Friedens- und Versöhnungsarbeit in Gemeinschaft mit der weltweiten Nagelkreuzbewegung verbunden und das Gedenken an die Opfer des 20. Juli 1944 sollte mit dem Gedenken an den von Potsdam ausgehenden Widerstand gegen die NS-Diktatur verbunden sein. Und gedenken und glauben, das können wir nur, wenn wir das gemeinsam, immer wieder tun. Deswegen unterstütze ich auch den Wunsch, hier am authentischen Ort eine evangelische Gemeinde in der Mitte von Potsdam wieder aufzubauen und mit Leben zu füllen. Und ich empfinde die offene, wenngleich auch oft strittig geführte Debatte darum als besonderes Privileg, dass wir als Potsdamer Stadtgesellschaft haben. Denn letztlich bleiben wir dadurch miteinander im Gespräch, reiben uns an verschiedenen Deutungen und

hinterfragen immer wieder unsere Motive. Solange die Debatte respektvoll geführt wird, bin ich gern Teil des Prozesses. Denn auch, wenn viele Menschen überzeugt sind, dass es keiner Kirche bedarf, um an Gott zu glauben, so bin ich davon überzeugt, dass es diesen Ort des Austauschs, des „Miteinander – ins – Gespräch – Kommens“ unbedingt braucht. Abschließen möchte ich mit einer kurzen jüdischen Legende: Ein Weiser mit Namen Choni ging einmal über Land und sah einen Mann, der einen Johannisbrotbaum pflanzte. Er blieb bei ihm stehen und sah ihm zu und fragt: „Wann wird das Bäumchen wohl Früchte tragen?“ Der Mann erwiderte: „In siebzig Jahren.“ Da sprach der Weise: „Du Tor! Denkst du, in siebzig Jahren noch zu leben und die Früchte deiner Arbeit zu genießen? Pflanze lieber einen Baum, der Früchte trägt, dass du dich ihrer erfreust in deinem Leben.“ Der Mann aber hatte sein Werk vollendet und sah freudig darauf und er antwortete: „Rabbi, als ich zur Welt kam, da fand ich Johannisbrotbäume und aß von ihnen, ohne dass ich sie gepflanzt hatte, denn das hatten meine Väter getan. Habe ich nun genossen, wo ich nicht gearbeitet habe, so will ich einen Baum pflanzen für meine Kinder oder Enkel, dass sie davon genießen. Wir Menschen können nur bestehen, wenn einer dem anderen die Hand reicht. Sieh, ich bin ein einfacher Mann, aber wir haben

ein Sprichwort: Gefährten oder Tod.“

 

 

WortOrt: Oh, mein Gott am 22.4.2017

Landtagspräsidentin Britta Stark

Liebe Frau Radeke-Engst,

liebe Gemeinde,

ich habe mich über die Einladung auf die Bürgerkanzel sehr gefreut, auch wenn oder vielleicht gerade weil das Thema eine riesige Herausforderung ist.

Und es gab auch Momente, da habe ich meine Zusage bereut. Was ist für mich Gott? Wenn ich das wüsste! Sollten Sie eine schlüssige Antwort von mir erwarten, muss ich Sie enttäuschen. Dafür möchte ich eine kleine persönliche Geschichte erzählen.

Mein Heimatdorf Börnicke – Landkreis Barnim - prägt eine kleine typische, märkische Feldsteinkirche.Die Kirche hat auch meine Kindheit und Jugend mitgeprägt. Nicht nur zu Ostern und Weihnachten, auch zu Pfingsten, Himmelfahrt und an manchem Sonntag gingen wir mit den Eltern in diese Kirche. Es war irgendwie immer festlich und schön. Damals dachte ich, Gott wohnt in der Kirche und wir können ihn dort besuchen. Im Staatsbürgerkundeunterricht sollten wir später begründen, warum Religion Opium für das Volk ist und lernen, dass Gott eine menschliche Erfindung sei zur Erklärung von unbekannten naturwissenschaftlichen Phänomenen. Diese beiden Welten wollten nicht zusammenpassen. Als es um die Frage ging, ob Konfirmation oder Jugendweihe oder beides, habe ich zum ersten Mal den Druck des DDR-Staates gespürt und wahrgenommen, dass Kirche im Sozialismus auch Spannung und Konflikt bedeutet „Die gehen in die Kirche“, sagten die Lehrer und mancher von den Nachbarn. Das hieß so viel wie: Denen können wir nicht ganz vertrauen. Ich wollte Abitur machen, eine gute Ausbildung, vielleicht studieren. Dieser Druck damals sollte Angst machen, hat aber unseren Zusammenhalt gestärkt. In Kirchenkreisen haben wir gelernt, Diskussionen zu führen und fair zu streiten, wir haben gelernt, wie Demokratie funktioniert.  Hätte mich damals einer gefragt, ob ich an Gott glaube – sehr wahrscheinlich hätte ich „Ja“ gesagt, auch wenn wir vor allem über Umweltfragen oder Friedensarbeit diskutiert hatten. Während der Friedlichen Revolution im Herbst 1989  habe ich erlebt, dass Menschen die Verhältnisse ändern können und dass Demokratie möglich ist,  wenn Menschen dafür eintreten, Strukturen schaffen und Verantwortung übernehmen. Im November haben wir in Bernau den Ortsverein der SPD gegründet. Wenige Monate später war ich Regierungsbeauftragte und Leiterin der Bezirksverwaltungsbehörde Frankfurt (Oder). Ich war 26 und durfte erleben, wie eine Diktatur zusammenbricht und wie Menschen gemeinsam demokratische Verhältnisse aufbauen. Nicht nur Mut und Vertrauen in die eigene Kraft hat uns damals gestärkt, sondern auch viel Gottvertrauen.

Das war für mich einfach da wie ein Geschenk. Die Frage, was das ist oder wer das ist – GOTT – habe ich mir damals noch gar nicht gestellt. Später, als meine Töchter geboren waren, als meine Eltern und Großeltern starben, tauchten Fragen auf und auch Zweifel, ob es wirklich jemanden gibt, dem wir unsere Freude und unsere Not darbringen können.Solche Fragen blitzen auf, verschwinden wieder in den Alltagsgedanken und stellen sich von Zeit zu Zeit wieder ein.

Manchmal denke ich, dass Gott die Liebe ist, aber kein abstrakter Begriff idealer selbstloser Liebe, sondern die Liebe selbst – ganz einfach und unmittelbar, Gott ist die Liebe, ist Person und nahbar.

Aber da gibt es auch die Schere im Kopf: Kann ich das glauben? Ist das noch evangelisch oder eher irgendeine esoterische Idee?

Was ist für mich Gott? Eine Liedzeile fällt mir ein:

„Gott ist die Liebe …“ - der Satz stammt aus dem 1. Johannesbrief (4, 16b) und wird dort weitergeführt:

„… und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“

 Wer der Briefschreiber ist, wissen wir nicht genau, aber seine Sprechweise erinnert an das Johannesevangelium. Unüberhörbar will der Briefschreiber seine Leser im Glauben an Christus stärken. Er ermahnt sie zu einem liebevollen Umgang miteinander und sagt Ihnen, dass die Liebe der Menschen untereinander aus der Liebe Gottes zu den Menschen erwächst.

 „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“.

Wenn es so einfach ist, wenn Gott ohnehin in uns präsent ist, wozu dann glauben? Bei dieser Frage erscheint alles neu und offen und auch kompliziert. Eine Antwort zeigt sich auf den ersten Blick: Weil es nicht genügt zu sagen, dass es so ist, und auch nicht weiterhilft, den Satz anzuerkennen. Allein mit dem Verstand geht es an dieser Stelle nicht weiter. Denn die sicherste Eigenschaft Gottes ist seine Unbegreiflichkeit, hat Karl Rahner einmal gesagt. Unser Erkenntnishorizont ist begrenzt.

Gott ist die Liebe. Er ist das Unbegreifliche.

Der Glaube und das Gebet weisen den Weg, sich diesem Unbegreiflichen zu öffnen. Aber manchmal gibt es Zeiten, da das Gebet richtungslos und ohne Resonanz bleibt. Glauben ist eine Entscheidung, eine Praxis, ein Weg und eine Suche. Eine Suche, die manchmal einsam macht, aber vor allem auf geheimnisvolle Weise froh. Ja, der Glaube ist eine Praxis, die eine Sehnsucht nach dem ganz Anderen erlebbar macht.

Glaube ist Erwartung, wie es im Hebräerbrief 11,1 heißt:

„Fest stehen in dem, was man erhofft, überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht.“

Was klingt wie eine Zumutung, ist ein mutiger  und freier Weg – auch das eigene Nichtwissen anzunehmen wie die Wahrnehmung, dass Gott unbegreiflich und so nahe wie fern zugleich sein kann, und dass wir die Unendlichkeit und die Liebe in unserem einzelnen Menschenleben tragen.

Glauben ist eine Entscheidung zur Freiheit.

 
Ich bin überzeugt, dass spirituelle und religiöse Freiheit immer auch politische Freiheit braucht und eine lebendige Demokratie.Ich finde, es ist in den letzten 25 Jahren leichter geworden in unserem demokratischen Land, Christ zu sein, auch wenn gegenwärtig die Zeichen darauf hindeuten, dass es ein kleineres Haus sein wird, in dem die Zukunft der Kirche gestaltet wird. Welche Gestalt dieses Haus einmal haben wird, das bestimmen wir Christinnen und Christen in den Gemeinden.

Was ist für mich Gott? – war die Frage an die Gottsucherinnen hier WortOrt in der Nagelkreuzkapelle.

Eine Antwort habe ich nicht gefunden, aber beim Nachdenken fiel mir ein Gedicht von Christa Peikert-Flaspöhler in die Hand, das diese Frage bewegt und das ich Ihnen zum Schluss vorlesen will:

 GLAUBENSBEKENNTNIS: Der andere Gott

 

Ich glaube, dass du ganz anders bist, Gott, als wir denken; dass du dich niemals festschreiben lässt in eine Gestalt, in ein Bild. 

Ich glaube an dich, heilige Kraft, die Mutter und Vater für uns ist in Weisheit und Güte; und dass uns Leiden und Not nicht trennen von dir;

Ich glaube, dass du Erde und Himmel geboren hast, das Weltall mit Sonnen- und Planetensystemen, und dass du weiter Leben schenkst, auch wenn wir es nicht sehen.

Ich glaube an Jesus von Nazaret, den Menschen deiner Liebe, der aus dir und in dir lebte und lebt, deinen Sohn, unseren Bruder; Maria hat ihn, innig vereint mit dir, geboren; in Liebe und Treue zu dir und zu uns Menschen ist er am Kreuz gestorben; er wurde begraben und du hast ihn aus dem Tod geweckt in unvergängliches Leben mit dir.

Ich glaube an den heiligen Geist, die Schöpferin Liebe; ich glaube, dass du unsere christlichen Kirchen verwandeln und heiligen willst, dass du unsere offenen Herzen erwartest, damit die Erde bewohnbar bleibt.

Ich glaube, dass du uns bedingungslos annimmst als Kinder, ob Frau oder Mann, ob schwarz oder weiß, ob arm oder reich;

ich glaube, dass du die Schuld vergibst,

ich glaube, dass du uns durch den Tunnel des Todes ins Leben und in die Freude rufst für immer.

Amen.

 


 

 

 

 

 

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