27.08.2016 | Predigtreihe „Fremde und Flüchtlinge in der Bibel“

„Mara“ heißt die Bitterkeit, lesen wir im Rutbuch.                                          

Wo Mara, die Bitterkeit, sich Einlass verschafft, tönen die Klagen zum Himmel: Warum hat Gott mir das angetan? Warum habe ich dieses Schicksal zu tragen.

Erste Geschichte:

Ein riesiger Schlüssel hängt über dem Eingang des Flüchtlingscamps „Aida“ am Stadtrand von Bethlehem. „Aida“ – ein klangvoller Name, hier steht er für einen Ort, an dem „Mara“, die Bitterkeit, Einlass begehrt,

für ein Flüchtlingslager mit 5000 Einwohnern.

Der arabische Frauenname „Aida“ heißt: die Rückkehrende. Rückkehr wünschen sich alle, die hier leben, Rückkehr in ihre Häuser und Wohnungen.

Die Schlüssel dafür bewahren sie bis heute auf als Zeichen der Hoffnung auf Rückkehr, auf Heimat.

70% aller Palästinenser, auch der christlichen Palästinenser leben als Flüchtlinge.

Maria, eine christliche Palästinenserin, ist eine von ihnen.

Sie hat „Mara“, der Bitterkeit, den Einlass in ihr Herz verwehrt, weil sie sich an einem Satz aus der hebräischen Bibel festgehalten hat:

„Denn du hast mein Wandern durch diese große Wüste auf dein Herz genommen.“ (5. Mose 2,7)

In den Wüsten, durch die sie gewandert ist, hat sie an Gott festgehalten.

Diese Erfahrung möchte sie ihrer kleinen Tochter Rut schenken.

Und so breitet sie im nahe gelegenen Olivenhain eine Decke aus und beginnt eine Geschichte zu erzählen, die sie damals von ihrer Großmutter gehört hatte, damals als sie das Haus noch hatten, von dem es heute nur noch den Schlüssel gibt.

Damals, so beginnt Maria der kleinen Rut zu erzählen, damals, vor langer Zeit war im „Haus des Brotes“, auf hebräisch Bethlehem, das Brot knapp geworden. Damals haben die Menschen im Haus des Brotes, in Brothausen gehungert, genauso wie wir als wir hier als Vertriebene ankamen.

Damals lebten hier Noomi und Elimelech mit ihren beiden Söhnen.

Eine große Hungersnot bedrohte das Leben in Bethlehem.

So zogen Noomi und Elimelech mit ihren Söhnen über den Jordan und 100 Kilometer in Richtung Süden.

Dann erreichten sie das Ostufer des Toten Meeres. Sie hatten gehört, in Moab sei der Hunger nicht so groß. So kamen sie in das Land Moab. Ausgerechnet nach Moab.

Eine bösartige Geschichte erzählte man in Israel über die Moabiter. Denn „Moab“ heißt vom Vater. So erzählt man in Israel: Euer Stammvater Moab ist einer, der von Lot mit einer seiner Töchter gezeugt wurde.

Mit dieser herabsetzenden Geschichte begründet Israel später Gebietsansprüche auf das Land der Moabiter. In der hebräischen Bibel gibt es eine Reihe von Gesetzen, die den Umgang und die Ehe mit Moabitern verbieten.

Und trotzdem sind sie in dieses Land geflohen und damals haben sie ausgerechnet in Moab Zuflucht gefunden und Nahrung. Ja mehr noch, sie haben in diesem Land Gastlichkeit und Heimat gefunden, die Söhne fanden Frauen. Fremde fanden überraschenderweise eine gute Heimat in Moab, dem Land, dem Israel sich damals überlegen fühlt.

Die Vorsitzende von Brot für die Welt, Cornelia Füllkrug-Weizel, fordert, auch heute muss es legale Möglichkeiten der Migration von Schutzsuchenden in Europa geben, damit die Menschen nicht auf den Mittelmeer umkommen.

Hier im AIDA-Lager in Bethlehem erzählt Maria ihrer kleinen Tochter Rut damals war das möglich. Sie erzählt die Geschichte aus dem Rutbuch von der Hoffnung auf Gemeinschaft und Solidarität zwischen Menschen und Völkern. Das erhofft sie auch für Israelis und Palästinenser heute. Sie hat „Mara“ der Bitterkeit Einlass in ihr Herz verwehrt

 

Zweite Geschichte:

Im Flüchtlingscamp bei Zahlé, einer kleinen Stadt an der Grenze zu Syrien, lebt Deborah, eine christliche Flüchtlingsfrau aus Syrien mit ihrer kleinen Tochter Rut ganz alleine. Sie weiß nicht, wo ihr Mann ist.

Beide gehören zu den 1,5 Millionen Menschen, die seit Beginn des mehr als drei Jahre andauernden Konflikts im Libanon gestrandet sind.

Vorher waren sie nach Dohuk im irakischen Kurdistan geflohen. Aber dort haben sie zum zweiten Mal alles hinter sich gelassen. Hier im Lager in Zahlé beginnt Deborah ihrer Tochter Rut zu erzählen. Du trägst den Namen von einer Frau, die für tiefe Freundschaft steht.

Rut war eine der Schwiegertöchter Noomis. Noomis Ehemann und ihre beide Söhne waren im fremden Moab gestorben.

Noomi und ihre Schwiegertöchter konnten alleine nicht überleben. So musste jede der Frauen in ihrer Familie zurückgehen.

Für Noomi bedeutete das, allein den gefährlichen Weg nach Bethlehem zurück zugehen. Aber Rut, die eine der Schwiegertöchter, deren Namen du trägst, sagte zu ihrer Schwiegermutter: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen: wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk  ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott, wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Gott tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“ (Rut 1, 16f.)

Das ist eine der schönsten Freundschaftsgeschichten in der Bibel.

Es ist die Freundschaft zwischen zwei Frauen in einer patriarchalen Welt.

Diese Freundschaft lässt sie zu Stammmüttern Israels und so wie es das Matthäusevangelium aufzeigt, auch zu Stammmüttern Jesu werden.

Sie machten sie sich gemeinsam auf den Weg.

Wie aber sollten die beiden Frauen nach Bethlehem zurückgekehrt überleben?

Sie mussten das Armenrecht in Anspruch nehmen. Das hieß, Rut musste auf den abgeernteten Feldern Ähren lesen:

Die anderen Frauen sahen sofort, dass sie ein Fremde war, auch wenn sie versuchte, sich zu kleiden wie die Einheimischen.

Sie sprach nicht. Einige meinten, sie würde die Sprache gar nicht verstehen. Aber sie war doch viele Jahre mit einem aus dem Volk Israel verheiratet gewesen, damals in Moab. Sie blieb immer ein Stückchen hinter den anderen beim Auflesen der Ähren. Die Stimmung war irgendwie angespannt.

Das lag aber auch an den vielen Geschichten, die man sich über sie erzählte.

Warum war sie mit nach Bethlehem bekommen?

Dass Noomi, ihre Schwiegermutter, kam nachdem ihr Mann und die Söhne tot waren, das war ja klar. Als alte Frau, als Witwe, arm und rechtlos kehrte sie zurück. Es war verständlich, dass sie zurückkam in ihr Land, zu ihrem Volk, zu ihrem Glauben. Aber warum war diese Fremde mitgekommen? War sie nicht eindeutig ein Wirtschaftsflüchtling, der es nur um das bessere Leben ging?

Hatte sie dort in Moab keine Familie gehabt, keinen Vater, keine Brüder, die sich um sie kümmern konnten? Was wollte die Fremde hier? Hier war sie eine Bettlerin.

Plötzlich kam Boas, der Besitzer des Landes auf den Acker.

Sein Blick fiel auf die Fremde. Er sprach sie an. Dann führte er Rut heran, neben den anderen Frauen zu arbeiten. Er sprach auch mit den Schnittern.

Jetzt sahen auch die anderen Frauen, wie sie absichtlich für Rut, die Fremde, Getreide fallen ließen. In der Mittagszeit, im Schatten des Baumes bot Boas Rut von seinem Essen an und sprach wieder mit ihr. Wie konnte das sein, die Frauen waren schockiert: Der angesehene Boas im Gespräch mit der Fremden!

Am Abend sprachen alle davon. Eine meinte, dass ja in den Geboten steht, nicht nur die Witwen stehen unter dem besonderen Schutz des ewigen Gottes, sondern auch die Fremden.

Und Boas war ein frommer Mann. Ja, er hatte tatsächlich die Schnitter angewiesen, für Rut Getreide fallen zu lassen.

Ein anderer wusste, dass Boas mit Noomi verwandt sei.

Ob er deshalb Rut unterstützen wollte, weil sie für ihrer Schwiegermutter sorgte?

 

Ich erzähle dir die Geschichte, weil sie zeigt, in der Fremde, unter einem fremden Volk kann man Freundschaft und Unterstützung finden.

Du trägst den Namen unserer Stammmutter sagt die Mutter zu Rut.

Sie steht für Freundschaft und Leben.

„Die fremde Moabiterin Rut hat die Güte des Gottes Israels wesentlich besser verwirklicht als die angesehenen Männer Betlehems.

Die Geschichte von Ruth ist eine Gegenstimme zur Fremdenfeindlichkeit damals und heute“. (Wissenschaftliches Bibellexikon)

Aus einer tödlichen Bedrohung haben die beiden Frauen nicht „Mara“, der Bitterkeit die Tür geöffnet, geklagt: Warum tut Gott mir das an?

Sondern durch Freundschaft ist aus der Bedrohung eine Geschichte des Lebens geworden.

Unser Wandern durch die Wüste nimmt Gott auf sein Herz.

 

Dritte Geschichte

Im Erstaufnahmelager in Eisenhüttenstadt ist Eleonora aus Aleppo allein mit ihrer 15jährigen Tochter Rut.

Sie haben eine schwere Zeit hinter sich. Den Bomben über Aleppo entronnen, haben die beiden nicht nur Hunger und Kälte, sondern auch sexuelle Belästigung erlebt.

Es gibt immer wieder Männer, die christliche Frauen oder Frauen ohne Kopftuch als Freiwild betrachten.

Aber auch von Helfern im Lager wurden sie schon belästigt.

Rut ist verängstigt und misstrauisch gegenüber Männern geworden.

Da beginnt Eleonora, die Frau aus Aleppo, ihrer Tochter Rut die Geschichte der jüdisch-christlichen Stammmutter Rut zu erzählen:

Nachdem das Getreide in Bethlehem geerntet war, wurde das Getreide gedroschen. Bis spät in die Nacht arbeiteten alle. Boas, der Besitzer des Ackers schlief nachts auch auf der Tenne, um das Getreide zu bewachen. Da schlich eines Nachts Rut über die Tenne, deckte die Beine des Boas auf und legte sich dorthin. Da weiß doch jeder gleich, was passiert.

Boas staunte über diese Frau. Aber er nutzte die Situation nicht aus. Er bedrängte sie nicht. Denn er wusste längst, dass Noomi und damit auch Rut eine Verwandte von ihm war. Nach dem alten Recht Israels konnte ein Bruder des verstorbenen Ehemanns die Witwe zu sich nehmen, um mit ihr sozusagen für den Bruder Kinder zu zeugen, damit sie überleben kann.

Boas rührte Rut nicht an. Er deckte den Zipfel seines Gewandes über sie und versprach ihr, für sie zu sorgen. Am Morgen schenkte er ihr sechs Maß Gerste.

Am nächsten Tag gab es im Stadttor von Bethlehem eine Versammlung. Dort wurden die Rechtgeschäfte in Israel abgewickelt.

Es hieß, Noomi wollte einen Acker verkaufen, den sie von ihrem Mann ererbt habe, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Das Vorkaufrecht hatten zwei entfernte Verwandte von ihr. Einer von ihnen war Boas. An den Kauf war die Bedingung geknüpft, Noomis Schwiegertochter Rut zur Frau zu nehmen. Der eine lehnte ab. Schließlich war es Boas, der zusicherte, den Acker zu kaufen und Rut zur Frau zu nehmen. Damit würde der Name des Verstorbenen, Noomis Mann und ihrer Söhne, auf ihrem Besitz weiterleben. Ein Raunen ging durch die Menge. Es hörte sich doch tatsächlich wie eine Schwagerehe nach dem Gesetz des Mose an, obwohl es keine war.

 

Eleonora schloss: Mutig waren sie gewesen, die beiden mittellosen und rechtlosen Frauen. Sie hatten nicht „Mara“ der Bitterkeit mit Klagen die Tür geöffnet. Furchtlos hatten sie der Männerwelt standgehalten.

Und Gott hatte den Zipfel seines Gewandes über ihnen ausgebreitet und sie geschützt.

Jesus, zu dem wir gehören, sagt Eleonora, hat später inmitten seiner Geschwister, inmitten von Männern und Frauen ein neues Leben auferstehen lassen. Frauen gehörten zu seinen Jüngerinnen.

Und später waren Frauen sogar unter den ersten Gemeindeleitern.

Es gab Diakoninnen wie Tabita in der Apostelgeschichte, von der wir in der Lesung gehört haben (Apg. 9). Sie predigten.

Und Paulus hat es so zusammengefasst: Da ist weder Jüdisch noch Griechisch, da ist weder Freier noch Sklave, da ist weder Männliches noch Weibliches, sondern alle sind einzig Eines in Christus Jesus. (Gal. 3, 28)

Das leben wir auch heute in unseren Gemeinden: Frauen und Männer sind gleichwertig.

Gott sieht alle Menschen an, egal ob mit oder ohne Kopftuch. Sie sind Gottes geliebte Kinder. Aber Gott braucht von uns kein Kopftuch. Vor Gott sind wir auch ohne Kopftuch nicht die Versucherinnen der Männer.

Auch als Frauen sind wir seine Ebenbilder, so wie wir geschaffen sind.

 

Gott schenkt Rut einen Sohn, Obed, den Großvater Davids. Damit ist eine Moabiterin Urgroßmutter des großen König Davids.

Sie legt ihren Sohn Obed ihrer Schwiegermutter Noomi in den Schoß.

Ausgerechnet eine Moabiterin ist in die Reihe der Ahninnen aufgenommen worden.

Und dass ihrer Geschichte in die heilige Schrift aufgenommen wurde, ist ein starkes Zeichen: Mitten im Patriarchat wird die Geschichte Israels von den Stammmüttern her erzählt. Das ist ganz ungewöhnlich. Sie gibt damit den Frauen eine neue Stellung.

Und sie ist ein starkes Plädoyer für die Aufnahme integrationswilliger Flüchtlinge.

Eine Hoffnungsgeschichte auch heute:

Für Maria im Aida-Camp in Bethlehem, die den Schlüssel aufbewahrt und auf gutes Zusammenleben und Aufnahme von Flüchtlingen hofft.

Für Deborah in Zahlé, die auf Freundschaft und Solidarität hofft – auch von Türken, Kurden, Jesiden, Syrern und Irakern, Juden, Christen und Muslimen, denn nur mit Freundschaft zwischen Menschen, Völkern und Religionen ist Leben möglich.

Und für Eleonora aus Aleppo, für die die beiden starken Frauen Vorbild sind. Sie hofft auf Freiheit für Frauen und auf Gleichberechtigung.

 

Navid Kermani zitiert in seiner Rede für den Friedenspreis des Buchhandels            den syrischen christlichen Priester Jacques Mourad, der für das Leid der Christen in Nahen Osten steht. Er sagt über uns westliche Christen: „Wir bedeuten ihnen nichts“, unser Schicksal ist den Christen in Europa gleichgültig.

Wir aber stehen als Christinnen und Christen in der Schutzpflicht des Boas,

das Leid der Fremden und unserer Geschwister geht uns etwas an.

Wir sind lebendige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des lebendigen Gottes und beauftragt das Wandern von so vielen Menschen durch diese große Wüste auf unser Herz und in unser Gebet zu nehmen,

denn auch wir liegen in unseren Lebenswüsten am Herzen Gottes, aber nicht alleine. Amen.

 

(Die Erzählung ist an manchen Stellen an die Erzählung von Gertrud Reershemius „Die Moabiterin“ angelehnt, aus „Frauen und Mädchen in der Bibel“)

 

 

Fürbitten

 

Guter Gott, du hast unser Wandern durch diese große Wüste auf dein Herz genommen. Dafür danken wir dir.

Wir beten für alle, die auf dem Weg durch Wüsten sind in die Freiheit, in ein Land, in dem sie nicht hungern müssen, über die Meere in ein Land, in dem Frieden ist, in ein Land, in dem Frauen gleiche Recht wie Männer haben.

Öffne unsere Herzen, dass wir die Menschen willkommen heißen, die zu uns in dieses andere Leben fliehen.

 

In Jesus Christus inmitten seiner Geschwister hast du uns gezeigt, wie Menschen aufstehen können ins Leben.

Lass unsere Gemeinden Aufsteh- und Lebensgemeinschaften sein, in denen die Traurigen Trost finden, die Erschöpften Ruhe, die Hoffnungslosen Zuversicht und die Bitteren einen weiten Blick.

Lass uns einander Helfer und Helferinnen zum Leben sein und Friedensboten.

Schenke uns Freude an einem gemeinsam gelingenden Leben.

 

Wir danken dir für den Reichtum deiner Schöpfung und bitten dich, lehre uns, achtsam mit ihr umzugehen und zu bewahren, was du uns geschenkt hast.

Wir denken an die Menschen, die von dem Erdbeben in Italien betroffen sind: schenke ihnen helfende Hände und eine neue Zuflucht, tröste die Trauernden und stärke die Verzweifelten.

 

Guter Gott, unser Wandern durch diese große Wüste endet in deinen Armen. Dort kommen wir an, finden Heimat und Frieden.

Darum bitte wir für all die Sterbenden und die Gestorbenen in dieser Woche, hier bei uns, im Krieg, auf der Flucht oder durch das Erdbeben.

Lass uns nicht bitter werden in Not, Leid und Krankheit sondern birg unsere Herzen unter dem Schatten deiner Flügel. Amen.

 

 

 

 

 

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