12.11.2016 | Predigt zum Volkstrauertag zu "Rizpa"

Nacherzählung

(2. Samuel 21, Verse 1 – 14)

 

Diese Geschichte ist schon mehr als 3000 Jahre her.

Damals hatte es 3 Jahre lang nicht mehr geregnet.

Das Volk der Israeliten litt Hunger. 

 

König David suchte Gott und fragte ihn um Rat.

Und Gott sagte zu David:

„Auf dem Haus deines Vorgängers Saul liegt eine Blutschuld, weil er versucht hat, die Gibeoniter auszurotten.“

 

David wusste: die Gibeoniter hatten lange schon hier gewohnt, als die Israeliten in ihr Land kamen.

Nachdem Josua die Israeliten dorthin geführt hatte, schloß er mit den Gibeonitern einen Vertrag, der besagte, dass sie weiter unbehelligt in ihrem Land leben sollten.

Aber König Saul hatte diesen Vertrag gebrochen

und die Gibeoniter verfolgt.

Später waren König Saul und sein Sohn Jonathan in einem Krieg gegen die Philister gefallen.

 

David wurde der neue König und musste sich nun also um die Sache kümmern.

Er rief die Gibeoniter zu sich und fragte: „Was wollt ihr, dass ich tun soll, damit unser Verhältnis wieder in Ordnung kommt?“

Die Gibeoniter verlangten: „Gib uns 7 männliche Nachkommen von Saul, weil er versucht hat, uns zu vernichten.“

Diese 7 wollten die Gibeoniter nun ihrerseits töten.

 

Und David war nach einigem Zögern einverstanden. Er übergab ihnen 2 Söhne von Saul, die Rizpa ihm geboren hatte, und 5 Enkel von Saul, die Söhne seiner Tochter Michal.

 

Die Gibeoniter töteten sie auf dem heiligen Berg, vor Gottes Angesicht taten sie das.

Die Leichname ließen sie dort oben liegen.

 

Das geschah zu der Zeit, in der normalerweise die Gerstenernte begonnen wurde.  

Da nahm Rizpa, die Mutter der beiden Söhne, einen leergebliebenen Erntesack, breitete ihn für sich aus oben auf dem Felsen, setzte sich darauf und hielt Wache.

 

Sie wartete darauf, dass sich Wasser ergösse über die Toten und auf das ganze Land.

Sie ließ nicht zu, dass sich ein Vogel des Himmels niederließ auf ihnen bei Tag oder ein Tier des Feldes bei Nacht.

Sieben Monate lang beschützte sie so die Leichname.

 

Irgendwann wurde David gemeldet, was Rizpa tat, und er sorgte dafür, dass alle toten Angehörigen aus Sauls Familie zu ihren Vätern versammelt wurden.

Gemeinsam begrub er sie: Saul und seinen Sohn Jonathan und seine getöteten 7 Nachkommen: die 2 Söhne der Rizpa und die 5 Söhne der Michal.

Im Land Benjamin im Grab von Sauls Vater wurden sie begraben.

 

Erst als das vollbracht war, ließ Gott sich wieder erbitten für das Land. Er hörte die Gebete des Volkes und des Königs und schickte Regen, auf dass der Hunger ein Ende habe.

(Susanne Jutz, nach Angelika Haarmann)

 

 

Predigt zur Rizpa-Geschichte (2. Samuel 2, 14-21)

 

Liebe Gemeinde!

Vor einigen Jahren hörte ich einen Satz, der grade im Hinblick auf die traurigen Erinnerungstage im November tief in mich gefallen ist: „Es gibt keine Antwort auf all unsere Fragen – wir können nur Geschichten erzählen, beten und Lieder singen“.

Geschichten erzählen, sich dabei auch der Verstorbenen erinnern, beten – auch für sie - und Lieder singen. Ja! Und doch landen wir danach oft wieder bei den Fragen, den unausweichlichen, denen hinter der Geschichte, hinter den Geschichten.

Darum möchten wir heute beidem Raum geben, Sie haben es schon bemerkt:

Geschichten erzählen und beten und Lieder singen und Fragen stellen und Entsetzen klagen. Mag sein, oder wird sicher so sein, dass es auch danach keine – oder zumindest nicht eine – Antwort gibt, aber Ansätze, Anregungen wohl schon, und ganz gewiss Anfragen an uns.

 

Rizpa heißt die Frau in unserer Geschichte, ihr Name wird übersetzt mit: „die Zusammengefügte, Bunte, Vielfältige, die mit den vielen Möglichkeiten“.

Aber hier ist sie doch ganz eindeutig und gradlinig!

Ja? Ist sie hell, klar bei Verstand, zielgerichtet in ihrem Denken und Tun?

Oder ist sie dunkel, blockiert in ihrer Trauer, unfähig etwas anderes zu tun als auszuharren?

Will sie, fern ab von allen andern, nur ganz bei sich und den Söhnen sein oder nahe dem Himmel, der ihr zugleich so fern und fremd vorkommt?

Hat sie Vorübergehende aufmerksam gemacht darauf, dass Unschuldige getötet wurden oder war sie versteinert in „stummem Geschrei“?

Ist sie nur noch erschütterte Mutter, aller Liebe und Zukunft beraubt durch den Tod des Mannes und nun auch der Söhne?

Oder ist sie voller Wut und Protest David gegenüber, dem jetzt herrschenden König?

Hat sie gegen ihn getobt oder hat sie Gott angeklagt oder beides?

Will sie, dass zur Erntezeit in die Säcke gesammelt wird, was jetzt eben da ist, diesmal Gebeine statt Getreide?

Oder weiß sie instinktiv, dass nach getaner Trauerarbeit eher ein „klarer Schnitt“ gemacht werden kann?

Hat sie so heftig geweint und damit dann den Himmel zum Weinen gebracht?

 

All das können wir fragen und wissen keine Antwort, wenigstens nicht die eine, wohl weil Vieles in Rizpa als Möglichkeit angelegt ist.

Und Michal, die andere Frau, die ihre Söhne verlor, wie ging es der? Was tat die eigentlich? Fühlte sie sich nur noch kraftlos, ohnmächtig = ohne Macht?

Oder war sie im Gegenteil von der Sorge getrieben, sie könnte ihrerseits töten, wenn sie herauskäme aus ihrer dunklen Höhle, in die sie sich vergraben hatte in ihrem großen Schmerz?

Sie muss doch von Rizpas Tun gehört haben. War sie mal bei ihr, da oben auf dem Berg, und hielt es nicht aus, neben den Leichen? Oder ging sie nicht zu ihr?

Meinte sie, es genüge, wenn eine Frau sich in Gefahr begibt und womöglich darin um-kommt? Oder war sie noch gänzlich unfähig, überhaupt zu realisieren, was ihr da widerfahren war?

All das können wir fragen und wissen keine Antwort, zumindest nicht die eine, weil Vieles in Michal als Möglichkeit angelegt war.  

Und dann David, der König: erst nach 3 Jahren Hungersnot sucht er Gott.

Gott lässt sich finden und antwortet, dass versuchter Völkermord sein Volk von Gott trennt. Erstaunlich ist das schon: als Saul die Gibeoniter verfolgte, glaubte er sicher, damit Gottes Willen zu tun. Nun sagt Gott zu David, das war falsch.

Aber Gott sagt nicht, was nun nach seinem Sinn zu tun sei.

Klar wird nur, dass Gott nicht alles gut heißt, was „seine“ Menschen tun.

David sucht also einen anderen Weg als sein Vorgänger:

Saul ließ die Gibeoniter verfolgen, David lässt sie zu sich kommen,

ein Schritt aufeinander zu ist also getan.

Aber auch hier fragt David sein Gegenüber, was er tun soll.

Ihm geht es nicht um eine echte Auseinandersetzung,s chon gar nicht mit sich selber. Er will die Opfer zufrieden stellen, damit Normalität einkehrt.

Er will nur die Hungersnot beenden, für sein Volk.

Und er handelt schnell und ohne Rücksprache mit den Nachkommen der früheren Schuldigen, die nun ihrerseits zu Opfern der königlichen Willkür werden.

Falls ihn jemals jemand fragen sollte, kann er sich immerhin damit rechtfertigen und rausreden: die Gibeoniter haben das ja so verlangt...

Erst viel später, als ihm die Tat Rizpas zugetragen, ja vermutlich: hintertragen wird, fragt David endlich, was er getan hat - und zwar sich selbst: er hat Menschen willkürlich preisgegeben, Familienangehörige dem Töten ausgeliefert.

Darauf muss wahrlich er selbst seine ureigenste Antwort finden.  

Und nun erst wird er wirklich zum König: er begreift, er ergreift die Initiative.

David lässt sich von Rizpa anstoßen, endlich das einzig Richtige zu tun. Er geht seinerseits den Weg in die Trauer und bringt die dunkle Ernte dieser drei Notjahre ein.

Er kann das, weil in ihm, neben dem Befehle erteilen und Vorschriften erfüllen, eben auch andere Möglichkeiten sind.

Und bei der versöhnenden Handlung bezieht er endlich sein Volk ausdrücklich mit ein. Das muss sich ja laufend gefragt haben: „Haftete die Schuld eigentlich nur an Saul und seiner Familie?

Saul ließ töten, aber: Soldaten aus dem Volk erledigten es, sie verweigerten sich solchen Befehlen nicht. Unsere Männer und Väter waren die Handelnden. Sind wir also auch in die Schuld hineinverstrickt und leiden darum jetzt Hunger?“

So fragt das Volk und endlich handelt der König nicht mehr allein-herrschend, stellvertretend für sein Volk, sondern endlich mit ihm zusammen:

Innehalten, Trauer, Klage unterbrechen das gewohnte Tun, den Toten wird Ehre erwiesen.

Saul und all die toten Königskinder bekommen ihren angemessenen Platz, im Familiengrab, bis sie wieder zu Erde werden, davon sie genommen sind, damit sie ihre Ruhe finden – und Rizpa auch und Michal und König David und das Volk auch.

Und wir? Wo sind wir in der Geschichte?

Dies ist ja unsere eigentliche Frage hinter all den andern. In jeder und jedem von uns stecken doch auch so viele Möglichkeiten.  

Könnten wir die Freundinnen sein, die wenigstens ab und zu auf den Berg gehen und Rizpa was zu essen bringen und eine Zeitlang schweigend und anteilnehmend neben ihr sitzen? Könnten wir die Freunde sein, die wenigstens ab und zu zu Rizpa auf den Berg gehen und die wilden Tiere und die andern Schrecken verjagen?

Rizpa fragte ihre innere Stimme und die antwortete ihr unüberhörbar. So kann sie, wie später Antigone, sagen:

„Ich, ich habe nicht JA gesagt! Ich kann noch NEIN sagen zu allem, was mir missfällt. Und ich muss tun, was ich kann!“

(Jean Anouilh, „Antigone“) 

Wenn wir uns in dieser Art neben Rizpa hin kauern, dann werden wir daran erinnern und darüber klagen, dass rund um diese Erde Menschen noch immer erleiden, was sie nicht verdient haben.

Wir verhindern damit hoffentlich ein Stück weit, dass sich in den Köpfen die Meinung festsetzt, der Einsatz von Gewalt und Brutalität sei unausweichlich oder gar in irgendeiner Weise zu rechtfertigen.

Und wir werden von Gottes Gerechtigkeit, dem Lebensrecht für ausnahmslos alle Menschen reden müssen.

Wir werden aber auch erkennen, dass wir aufmerksamer in uns hineinhorchen und uns selbst genauer ansehen müssen.

Denn: wir verursachen Unrecht in der Weise, wie wir leben.

Wir lassen es geschehen in der Weise, wie wir schweigen.

Wir nehmen es nicht wahr, in der Weise, wie wir die Augen verschließen.

Wir haben also auch über uns selbst zu klagen.

Und unsere Klage, wenn sie denn echt ist, wird praktische Konsequenzen haben müssen. Das Leiden der Menschen und der ganzen Kreatur wird uns angehen, uns zu Herzen gehen.

Wir werden neu empfinden, was wir sehen.

Und dann ändert sich was, denn das ist eine einfache Regel:

wer empfinden kann, was er sieht, wird tun, was er kann -

– wie Rizpa eben. Amen – ja, so sei es!

 

Angelika Weller-Eylert, 12.11.2016

 

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