15.10.2016 | Predigt von Bernhard Fricke über Gen 16, 1 – 16 (Glaubensmutter Hagar)

Liebe Schwestern und Brüder,

in meiner Arbeit begegne ich vielen, die sich die Begegnung mit Flüchtlingen wünschen. Und in vielen Kirchengemeinden haben sich Ehrenamtliche auf den Weg gemacht in die Heime zum Sprachunterricht, zur Begleitung zu den Behörden, einfach nur zum Zuhören oder zum Spielen mit den Kindern.

Wenn wir heute in die Bibel schauen, begegnen wir einer sehr beeindruckenden Frau: Hagar. Vielleicht kennen Sie sie schon. Sicher haben sie in der letzten Zeit einen Satz von ihr gehört: Sie hat gesagt: Du siehst mich. Das ist die Losung für den Kirchentag, der nächstes Jahr in Berlin, in Wittenberg und auch in Potsdam stattfindet. Du siehst mich.

Ich lese ihre Geschichte aus der Genesis in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache:

„Doch Sarai, Abrams Frau, hatte ihm keine Kinder geboren. Sie hatte aber eine ägyptische Sklavin, deren Name Hagar war. Da sagte Sarai zu Abram: „Sieh doch, Adonaj hindert mich zu gebären. Geh doch zu meiner Sklavin, vielleicht wird durch sie mein Haus gebaut.“ Und Abram hörte auf die Stimme Sarais. Nachdem Abram zehn Jahre im Land Kanaan gewohnt hatte, nahm deshalb Abrams Frau Sarai ihre ägyptische Sklavin Hagar und gab sie ihrem Mann Abram zur Frau. So ging er zu Hagar und sie wurde schwanger. Doch als sie merkte, dass sie schwanger war, verlor ihre Herrin an Gewicht in ihren Augen. Da sagte Sarai zu Abram: „Die Gewalt, die mir geschieht, komme über dich! Ich selbst habe meine Sklavin in dein Bett gelegt. Doch kaum merkt sie, dass sie schwanger ist, verliere ich an Gewicht in ihren Augen. Adonaj soll richten zwischen mir und dir.“ Abram sagte zu Sarai: „Schau, deine Sklavin ist in deiner Hand. Mach mit ihr, was dir gefällt.“ Da demütigte Sarai sie so, dass sie vor ihr die Flucht ergriff.

Adonajs Bote fand sie an einer Wasserquelle in der Wüste, an der Quelle auf dem Weg nach Schur, und sprach sie an: „Hagar! Du Sklavin Sarais, woher kommst du und wohin willst du?“ Sie sagte: „Ich bin auf der Flucht vor meiner Herrin Sarai.“ Da sprach Adonajs Bote zu ihr: „Kehr um zu deiner Herrin und lass dich von ihrer Hand demütigen.“ – Weiter sprach Adonajs Bote zu ihr: „Ungeheuer vermehren will ich deine Nachkommen, so dass man sie vor Menge nicht zählen kann.“ – Weiter sprach Adonajs Bote zu ihr: „Sieh dich an, du bist schwanger und wirst einen Sohn gebären, den sollst du Ismael nennen, ‚Gott hört‘, denn Adonaj hat deine Demütigung gehört. Der wird ein Wildesel-Mensch sein, seine Hand streckt er nach allem aus und die Hand aller ist gegen ihn. Allen Kindern Sarais und Abrams zum Trotz wird er sich niederlassen.“

Da schließlich gab sie Adonaj, der Gottheit, die mit ihr redete, einen Namen: „Du bist El Roi, ein Gott des Hinschauens.“ Denn sie sagte: „Sogar bis hierher? Ich habe geschaut hinter der her, die mich anschaut.“ Daher heißt der Brunnen: ‚Brunnen der lebendigen Schau‘. Siehe, er liegt zwischen Kadesch und Bered. Und Hagar gebar dem Abram einen Sohn, und Abram nannte seinen Sohn, den Hagar geboren hat, Ismael. Abram war 86 Jahre alt, als Hagar für Abram den Ismael gebar.

Hagar, liebe Schwestern und Brüder, ist auf der Flucht vor Sarai, mit der sie nicht mehr klarkommt, seit diese sie dem Abram als Leihmutter ins Bett gelegt hat und seit dem sie selbst, Hagar, in der Schwangerschaft einen Schritt ins Selbstbewusstsein getan hat – raus aus der Sklaverei. Sie wird Frau und Mutter.

Sarai und Abram können das weder in ihrer Beziehung noch in ihrem damaligen Rechtsempfinden dulden. Hagars Verhalten widerspricht dem Plan, der sich immerhin auf Gottes Verheißung einer zahlreichen Nachkommenschaft stützt.  

Sie können Hagar aber auch nicht festhalten, schon gar nicht in der Unterordnung. Diese Dreiecksgeschichte findet nicht auf Augenhöhe statt. Es geht hier um Macht und Demütigung, um Ausbeutung und Unterordnung.

So bleibt für Hagar nur ein Ausweg. Sie muss dieser Situation entfliehen. Sie weiß in dem Moment noch nicht wohin. Sie weiß nicht, ob es ein Weg in die Freiheit wird, sie weiß nicht, was und wer ihr begegnen wird.

So wie ihr geht es vielen. Die Fluchtursachen können so persönlich sein wie hier – und sie werden niemals als ein Asylgrund für eine Ägypterin oder eine andere Frau heute in Deutschland akzeptiert werden. Doch wer von uns wollte sagen: Du hättest doch bleiben können?

Wer von uns wollte sagen, eine vor Blutrache fliehende Familie aus Albanien hätte doch bleiben können, immer in der Angst, dass der eigene Sohn ermordet wird?

Und wer wollte sagen, dass die auf der Flucht zur Prostitution gezwungene Frau doch hätte besser in Eritrea bleiben und nicht mit ihren Kindern ihrem Mann auf dem Weg durch die Wüste, durch die Lager und Gefängnisse folgen sollen?

Hagar wird in dieser Geschichte nicht nur Mutter eines ganzen Volkes, Ursprung einer ganzen Religion. Sie wird gleichzeitig zum Vorbild für die vielen Flüchtlinge, die sich auf den Weg machen, raus aus der Unterdrückung, der Armut, der Perspektivlosigkeit, bereit einen Rest an Würde und Selbstbewusstsein zu retten, aber ohne zu wissen, was und wer ihnen begegnen wird.

Frauen haben es gerade wegen ihrer Verletzlichkeit noch einmal schwerer als Männer. Und schwangere Frauen gelten auch nach der EU-Rückführungsrichtlinie als besonders verletzlich. Sie werden trotzdem abgeschoben.

Hagar kommt an einen Brunnen. Wasser bedeutet Überleben in der Wüste. Ich empfehle sehr das Buch von Fabrizio Gatti: „Bilal“. Da geht es um die Menschen, die nach einem Strohhalm greifen oder nach einem Schluck Wasser aus einem Plastikkanister, in dem eben noch Öl transportiert wurde. Wasser bedeutet überleben – noch kein Leben. Das steht noch aus. Es ist noch ein weiter Weg bis zu dem anderen Brunnen, an dem Jesus sagen wird: Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, der wird nie mehr dürsten.

Ein sehr konkreter Brunnen, eine Oase, das ist auch ein Ort der Begegnung von Menschen aus vielerlei Kulturen. Fremde sind hier aufeinander angewiesen. Ein Stück mehr Leben als bisher. Das ist die Sehnsucht.

Vielleicht ist hier jemand, der jemanden kennt, der mit dem LKW durch die Wüste fährt und dessen Preise zahlbar sind. Vielleicht ist hier jemand, der jemanden kennt, der ein Visum durch Libyen besorgen kann, oder gar für Europa.

Ein Bote Gottes entdeckt Hager, sieht sie, obwohl sie eine Ägypterin ist. Der Gott Israels zeigt sich hier als ein Gott der Anderen. Der Bote spricht Hagar an, so wie auch wir häufig Flüchtlinge ansprechen: „Hagar. Woher kommst du und wohin willst Du?“ Es ist eine ganz ehrliche Frage, auch eine Frage nach der Sprache, in der zu reden ist und nach dem Thema, das auf dem Herzen liegt. Und doch ist sie schwer zu beantworten, zumindest der zweite Teil. Hagar antwortet ganz ehrlich: „Weg von Sarai, meiner Herrin! Ich bin auf der Flucht.“

Was vielleicht nur als ein intensiver Gruß gedacht war, als eine Kontaktaufnahme, nutzt Hagar als Chance und benennt klar die Fluchtursache: Sklaverei, Ausbeutung, Demütigung. Das liegt ihr auf dem Herzen. Und auch der gegenwärtige Status wird klar: Ich bin auf der Flucht. ich suche Schutz. Ich brauche Hilfe. Auf das Wohin gibt es keine Ortsangabe. Das Ziel ist aber in der Bitte klar zu hören.

Der Bote weiß, wer Hagar ist. Das weist ihn als Boten Adonajs aus. Das schafft Vertrauen. Deshalb kann Hagar so persönlich antworten. Und sie kann gleichzeitig ihre Zukunft so offen lassen und in die Hand des Mannes legen, der ihr eben noch fremd war. Große Unsicherheit. Jetzt schwanger, dann allein erziehend, ohne unterstützende Familie, ohne Leben spendenden Ort.

Die Antwort, die der Bote gibt, hätte sie am wenigsten erwartet: „Kehr zurück zu deiner Herrin und lass dich von ihrer Hand demütigen.“ Da müssen wir schlucken. Das haben auch wir nicht erwartet. Das ist super hart. Beinahe unerträglich. Das klingt nicht nach Barmherzigkeit sondern nach Deutschland im Jahr 2016. Zurück in die Demütigung. Fast so schlimm wie: Warum bist du nicht da geblieben, demütig und deine Rolle als Leihmutter ausübend.

Es gibt zwei Möglichkeiten, zwei unbefriedigende Möglichkeiten, um diese Antwort zu verstehen: Zum einen, so die Literarkritik: Dieser Satz wurde später eingeführt um zu erklären, warum Hagar später wieder im Hause Abrahams und Sarahs ist und dort ihren Sohn zur Welt bringt.

Die andere ergibt sich aus dem Text selber: Die Antwort auf diese Frage ist gar nicht das Ziel. Das Zurückschieben in die Unterdrückung, der Weg zurück in die Sklaverei bleibt nicht das letzte Wort. Der Bote redet ja noch weiter: „Vermehren will ich deine Nachkommen, so dass man sie vor Menge nicht zählen kann.“

Das ist das Ziel. Das ist der Segen. Das ist die Zukunft. Das ist die Freiheit. Das ist der endgültige Weg heraus aus der Sklaverei im Hause Sarais, das ist Rettung.

 

Hagar ist in der Bibel die einzige Frau, die diese Verheißung hört. Das hören sonst nur die Väter Abraham, Isaak und Jakob – letzterer übrigens auch nach einer dramatischen Fluchtgeschichte und in der Wüste. Und weil sie diese Verheißung hört, ist Hagar eine Glaubensmutter.

Hagar, die Ägypterin hört von dieser Nachkommenschaft. Gott ist ein Gott auch der Anderen. Auch Hagar ist sein Ebenbild und Kind. Das macht sie stark und gewichtig, so dass sie zurückgehen kann. Von Gott gestärkt, mit Gewicht kann sie Sarah demütig begegnen.

Liebe Geschwister, wir sind immer noch am Brunnen. Immer noch in dem einseitigen Gespräch. Die Verheißung wird konkret. „Sieh dich an, sagt der Bote Gottes, du bist schwanger und du wirst einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Isma’el geben, ‚Gott hört‘, denn Adonaj hat von deiner Demütigung gehört.“

Gott hört. Er hört, auch wenn nur leise geklagt und innwendig geweint wird. Er hört den Schmerz über die Demütigung und über den Verlust von Heimat. Hagar spürt die Solidarität des Gottes Israels, und noch einmal, sie spürt die Solidarität auch als Ägypterin und erfährt. Er ist auch mein Gott.

Isma’el, Gott hört. Isma’el, der Beduine, das Leben in der Wüste. Auch dort ist Gott und hört und sieht. Wie wunderbar sind die Begegnungen mit seinen Nachkommen, den Muslimen auch hier in Potsdam, wenn sie von ihrem Glauben erzählen und ihn leben und uns nach unserem Glauben fragen.

Wir - fest an unserem Ort und in unserer Tradition und Rechtsordnung, so wie Abraham und Sarah, angebunden an unsere Kirchen, organisiert in unserer Synode.

Und die, denen wir begegnen: unterwegs, auf dem Weg in die Freiheit, mit der Sehnsucht nach Leben und Zukunft für sich selber und für ihre Kinder. Hagar ist ihre Stammmutter und Abraham und Isma’el ihre Stammväter und Gott hört und Gott sieht.

Hagar gibt Gott an diesem Ort, an diesem Brunnen zwischen Kadesch und Bered  einen Namen: „Du bist Er Ro’i, Gott des Hinsehens.“ Denn sie sagte: „Sehe ich nicht gerade hier der Gottheit nach, die mich sieht?“

Das Bekenntnis einer Ägypterin. Du bist ein Gott, der mich sieht. Du bist kein Gott, der mich übersieht. Du bist kein Gott, der nur meine Fehler sieht. Du bist ein Gott, der mich sieht in der Unsicherheit und Ziellosigkeit meines Lebens.

Liebe Schwestern und Brüder, tausende Männer und Frauen und Kinder überleben die Flucht mit diesem Bekenntnis aus dem Herzen und auf den Lippen. Sie zitieren den Gott der Barmherzigkeit, den sehenden und hörenden aus der Bibel und aus dem Koran, sie beten in der Wüste, in den Gefängnissen, auf dem Wasser in den Booten, an den Grenzzäunen Europas. Christinnen und Christen, Muslime und viele andere, die in dieser Situation nur den einen Halt haben: Gott.

Und wir dürfen ihnen begegnen und erfahren: Gott hört und sieht das Elend seines Volkes, jeden einzelnen und jede einzelne. Wir sind gemeinsam auf dem Weg. Und der Ort der Begegnung ist eine Oase, ein Brunnen, ein Ort zum Leben: Zuflucht in Potsdam. Amen.

 

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