06.11.2017 | Predigt über Lots Frau

Liebe Gemeinde!

Was für eine Geschichte haben wir da gehört! Uralt, die Geschichte von Sodom, 3000 Jahre her und noch immer unglaublich! Und noch immer unglaublich aktuell!

Denn sie könnte sich heute, in Syrien oder Nigeria, im Jemen oder im Sudan so oder ganz ähnlich abspielen. Oder in den neunziger Jahren im Kosovo abgespielt haben. Oder im März 45 im Allgäu oder am 8. Mai 45 in Berlin-Charlottenburg.

Jemand klopft an der Tür einer Familie. Fremde Leute rufen: "Macht, dass ihr
fortkommt. Heute Nacht wird hier angegriffen. Geht weg. Hier seid ihr nicht sicher. Beeilt euch." Donnergollen. Bombeneinschläge. Gewehrsalven. Kriegsangst. Kriegswirren. Alle sind eingeschüchtert und bedroht.
Soldaten dringen ins Haus, in den Keller, greifen sich die beiden Mädchen, die der verängstigte Vater irgendwie nach vorne gespielt hat. Eine Art „Kuhhandel“ unter Männern. Die Mädchen werden in eine Ecke gestoßen und vergewaltigt, im Beisein von Vater und Mutter.  ---
Wie geht eine Mutter damit um, Zeugin des Missbrauchs der eigenen Kinder zu sein? Sie kann nichts machen, nur zuschauen oder wegschauen. Sie kann ihre Töchter nicht trösten. Womit auch? ---
Die Familie flieht nach dem Abgang der Soldaten, entsetzt, in letzter Minute.
Die Frau aber kann sich kaum regen. Das alles ist zu viel. Sie kann sich nicht losreißen, ist wie gelähmt, wird stumm und steif, zur sprichwörtlichen Salzsäule.

So manche Frau reagiert in Bedrohung, eigener oder fremder, wie Lots Frau: Sie kann nicht sprechen, ihre Wut nicht äußern, sie kann nicht verarbeiten, was sie sieht. Ihre Seele erfriert, sie ist wie tot und wird es für den Rest ihres Lebens bleiben. Sie ist erstarrt beim Anblick all dessen, was sich an Gewalt angesammelt hat. Wie kann sie die Schrecken je wieder aus ihrem Kopf tilgen, all die Bilder der Zerstörung, die sie sah?

Und das ist es, was sie, die namenlose Frau von Lot, sah, beim Blick zurück: eine fraglose endlose Odysee mit ihrem Mann, immer auf der Flucht, keine Heimat, „kein Ort, nirgends“ für sie. Dann wieder Stopp, Station machen, an einem Ort voller Gewalt und Fremdenhaß, also: wieder Vertreibung ihrer Familie. Und als Höhepunkt: einen Vater, ihren Mann, der seine Töchter als Tauschobjekte anbietet zur Vergewaltigung. Das tut er aus Gastfreundschaft, aber vor allem in patriarchaler Macht und Verfügungsgewalt.
Sie kann dem Mann nicht in den Arm fallen, schon gar nicht ihn zur Rede stellen. Wie wird sie, als Frau, ihrem Mann gegenüber, das Wort ergreifen können?! Er selber hat sie ja nie einer Anrede für wert erachtet. Wenn in unserer Geschichte geredet wird, dann unter den „Herrschaften“, mit den Männern des Ortes, mit den potentiellen Schwiegersöhnen. Weder Frau noch Töchter werden gefragt, informiert, beteiligt: ein Paradebeispiel für die Wertlosigkeit von Frauenleben.
 
Nichts ist im Lot in dieser Familie Lot. Und dass in Frau Lot das Vertrauen ins Weiter-Leben, ins immer-weiter-so-leben zerbricht oder vereist, kann ich gut nachvollziehen!
Deshalb ist es für mich kein unglücklicher Zufall oder ein Akt der Unwissenheit, als sie sich umdreht, sondern das erste Mal, dass sie eigenständig handelt, dass sie endlich tut, was sie für nötig erachtet. Viele Ausleger haben das Geschehen danach, ihr Erstarren zur Salzsäule, als Unglauben oder als „gerechte Strafe“ für ihr eigen-williges Handeln gedeutet.
Ich verstehe das keineswegs so: ich lese nichts von Sünde und Strafe, keine Häme, nicht mal Wertung. Ich sehe eine Frau im Bann von Gewalt, voller angestautem Entsetzen, wachsender Betroffenheit. Eine Frau, die sich nicht mehr gewöhnen will, nicht mehr Mit-Läuferin sein kann, sich ihr eigenes Bild machen muss.
Eine, die sich fragt: wie kann ich jemals wieder Vertrauen fassen? Wie soll ich mit diesem Mann weiterleben? ---- Dann doch lieber gar nicht mehr leben. Stattdessen zur Salzsäule erstarren, aus dem Salz der vielen ungeweinten Tränen.

Und dann fällt mir sofort Jacob Böhme ein, der fast vergessene Schuster und Mystiker aus längst vergangenen Tagen in Görlitz, und Dorothee Sölle, berühmte Theologin unserer Tage, die beide in Gedichten Gott „täglich um die Gabe der Tränen“ bitten wollten...
So kann man/frau die Geschichte verstehen.

Die Bibel, das zeigt diese Geschichte, ist kein zimperliches Buch, sondern sie zeigt uns die Realität, wie sie ist: hart und ungerecht. Und sie hält uns mit der Lot-Geschichte einen Spiegel vor, damit wir wach werden und unseren Blick lenken auf die komplizierten Mechanismen, aus denen Gewalt entsteht. Ein wichtiger Teil dieser Gewalt-Dynamik war und ist das Wegsehen, das der anderen früher, unser Wegsehen heute. Darum erzählt die Bibel noch immer die alten Geschichten, damit wir die heutigen daran messen können. Und dann merken wir: solche Geschichten spielen sich immer noch ab, jeden Tag, zu unserer Zeit, in unserer Welt. Einer Welt voll roher Gewalt. Wir hören davon, wir sehen die Bilder im Fernsehen. Wir wissen, wo die Waffen hergestellt werden. Wir sehen die Opfer. Die Täter kennen wir oft sogar mit Namen.

Wir stellen entsetzt fest, dass sich wenig geändert hat in den 3000 Jahren, seit Frau Lot erstarrte, nachdem sie zurückschaute. Dieses ihr Zurückschauen hat ja auch etwas von festhalten wollen, finde ich, so eine bannende, festlegende Rückschau.

Ich würde dem gern Erinnern gegenüber stellen. Erinnern schließt Hoffnung mit ein. Hoffnung, die sich speist aus der menschheitsalten Erfahrung, dass aus allem, was kaputt ging, kaputt gemacht wurde, noch einmal Neues erwachsen kann. Hoffnung, die aus dem Wissen um die Würde des Menschen kommt, um die Kostbarkeit eines jeden Lebens. Auf den ersten Seiten der Bibel sind dazu die Magna Charta-Sätze schon aufgeschrieben. "Gott schuf Mann und Frau nach dem göttlichen Bilde". Die Gottebenbildlichkeit jedes Mädchens, jedes Jungen, jeder Frau, jedes Mannes, das ist der Schutzmantel, den Gott selbst uns umlegt für unseren Weg durch die Menschheitsgeschichte.

Nichts, was geschehen ist, kann ungeschehen gemacht werden, aber Vieles kann geheilt werden: durch Trost und Da-sein, wo es drauf ankommt. In den Stunden der Verlorenheit. Dazu braucht Gott unser Hingehen, unser Hinsehen, unser Einstehen, unsere Gedanken, unsere Hände.
Nicht Salzsäulen, aber „Salz der Erde“ sollen wir sein. Salz, das schmerzen kann, Salz, das Wunden spüren lässt, das aber auch heilen kann. Und Salz, das Eis zum Schmelzen bringt, damit die Kälte vergeht. Gott befähige uns, vom Schauen zum Handeln zu kommen, damit wir tun, was Not ist und Not wendet. Amen.

Diese Predigt von Angelika Weller-Eylert, Potsdam, entstand nach Impulsen aus einer Predigt von Bischöfin i.R. Bärbel Wartenberg-Potter "Was sehen Sie, Frau Lot?" in der St. Nikolai-Kirche zu Kiel, 2004, und einer Predigt von Pfarrerin Sylvia Bukowski „Lots Frau – im Entsetzen erstarrt“  in dem Buch:  Mit Eva predigen, erschienen in Düsseldorf, 1996
 

 

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