01.07.2017 | Predigt im ökumenischen Gottesdienst in der Versöhnungskapelle

Text: Eph. 4,1-7 und 11-16

von Dr. Konrad Raiser   

Liebe Gemeinde, 

wir feiern diesen ökumenischen Gottesdienst zum Sonntagsauftakt in der Mitte des Jahres, das in den evangelischen Kirchen durch das Reformationsjubiläum geprägt ist. Das ist ein guter Moment, um gemeinsam über die ökumenische Berufung unserer Kirchen nachzudenken. Dazu soll uns ein Abschnitt aus dem Epheserbrief als Wegweiser dienen, in dem es zentral um die Praxis der Einheit in der Gemeinde geht. Ich lese aus dem 4. Kapitel des Epheserbriefs die Verse 1-7 und 11-16… (nach der neu revidierten Lutherübersetzung)

Der Epheserbrief ist wahrscheinlich eine Art apostolisches Rundschreiben an die christlichen Gemeinden in Kleinasien. Diese Region in der heutigen Türkei war schon früh von den Griechen kolonisiert und dann in das Römische Reich eingegliedert worden. Die großen Städte an der Küste – Ephesus, Smyrna, Milet – die uns aus den Missionsreisen des Apostels Paulus bekannt sind, waren blühende Handelszentren mit großer kultureller und religiöser Vielfalt. Hier in Kleinasien hatte der Apostel Paulus seine missionarische Arbeit vor allem unter der jüdischen Diaspora begonnen. Durch die Briefe an die Galater und Kolosser sowie durch die Apostelgeschichte haben wir eine gewisse Kenntnis von diesen jungen christlichen Gemeinden, ihren inneren Streitigkeiten und ihrer Suche nach einer festen Identität. Als der Epheserbrief geschrieben wurde, waren sie noch immer Minderheitsgemeinden, die weit verstreut in der Diaspora lebten wie Fremde ohne eigene Bürgerrechte. Die Intention dieses Briefes war es, diese Gemeinden in ihrem noch ungesicherten Glauben und in ihrem Zeugnis zu stärken.

Der verlesene Abschnitt eröffnet den zweiten Teil des Briefes, der in erster Linie dem Leben der Christen und dem Zusammenleben in den Gemeinden gewidmet ist. Die ersten sieben Verse sind einer der klassischen biblischen Texte über die christliche Einheit; es ist sogar die einzige Stelle im Neuen Testament, wo das abstrakte Stichwort „Einheit“ auftaucht. Die Verse fordern uns freilich heraus und laden uns ein, neu über die Einheit als Praxis des Lebens im Geist Jesu Christi nachzudenken. Denn anders als in heutigen Diskussionen zur „Einheit der Kirche“  geht es hier nicht um gelehrte Dialoge und differenzierte Argumentationen zwischen getrennten Kirchen über komplizierte Fragen der Lehre oder über die Angleichung von unterschiedlichen kirchlichen Strukturen. Einheit bezeichnet für den Epheserbrief vielmehr die Lebensform, an der jede Kirche und Gemeinde erkennbar wird als Glied am lebendigen Leib Christi. Die Frage der Einheit bezieht sich daher nicht in erster Linie auf die Beziehungen zwischen Kirchen, sondern auf das Zusammenleben innerhalb jeder Kirche und Gemeinde. Durch ihre Lebensform geben sie ein Zeichen ihrer Identität, ihrer Verwurzelung in Jesus Christus. 

Die Gemeinden werden angesprochen auf ihre Berufung zu einer Hoffnung. Diese Hoffnung hat ihren Grund in dem einen Herrn, dem einen Glauben,  der einen Taufe, und letztlich dem Vertrauen auf den einen Gott und Vater aller, „der da ist über allen und durch alle und in allen“. Nicht sie müssen diese Einheit schaffen; sie ist ihnen vorgegeben und geschenkt. Aber sie werden aufgefordert, sich ihrer Berufung zur Einheit in der Praxis ihres Zusammenlebens würdig zu erweisen. Demut, Sanftmut und Geduld, von denen hier die Rede ist, sind Ausdrucksformen der Liebe, welche die Anderen, die Unangepassten oder Fremden, die sich mit ihren Einstellungen und Überzeugungen nicht in die Regeln einfügen, als Brüder und Schwestern in Christus annimmt, als Kinder Gottes wie wir. Es ist eine Haltung und Praxis, die nicht darauf besteht, immer Recht zu haben oder zu behalten, d.h. sie ist  das Gegenteil von Selbstgerechtigkeit. Sie ist bereit, auf die Durchsetzung des eigenen Standpunktes oder Rechtes zu verzichten – nicht um Konflikte zu vermeiden, sondern um in Liebe die Einigkeit im Geist zu bewahren und dem allgemeinen Frieden zu dienen, d.h. dem Wohlergehen  aller in der Gemeinschaft. Einheit ist daher kein Zustands- oder Strukturbegriff, sondern bezeichnet eine Qualität des Zusammenlebens, sie ist Liebe in Aktion und daher eine Umschreibung der Fülle des Lebens, das uns durch Jesus Christus geschenkt und eröffnet ist.

Zu dieser gelebten Einheit können alle in der Gemeinde mit ihren Gaben und Fähigkeiten beitragen. Der Epheserbrief nennt besonders die herausgehobenen Ämter und Träger von Aufgaben und Verantwortungen in der Gemeinde. Aber sie werden hervorgehoben nicht wegen einer besonderen Würde oder Weihe, sondern wegen der Bedeutung ihres Dienstes für die Auferbauung der Gemeinde. Denn die Einheit ist nie ein für allemal gegeben und gesichert; sie muss immer wieder neu bewährt werden, sodass die Gemeinde als der Leib Christi wachsen und auferbaut werden kann, „bis … alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Menschen, zum vollen Maß der Fülle Christi“ (V.13). Unwillkürlich fällt mir hier Dietrich Bonhoeffer ein mit seinem Bild von „Christus als Gemeinde existierend“. Denn dies ist auch die Vorstellung von der Gemeinde, mit der dieser Abschnitt im Epheserbrief schließt: „Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus. Von ihm aus gestalte der ganze Leib sein Wachstum,  sodass er sich selbst aufbaut in der Liebe – der Leib, der zusammengefügt und gefestigt ist durch jede Verbindung, die mit der Kraft nährt, die jedem Glied zugemessen ist.“(V. 15/16).  

Dieser Gottesdienst steht unter dem Thema „Suchet mich, so werdet ihr leben“. Das Thema erhält auf dem Hintergrund des Textabschnittes aus dem Epheserbrief klare Konturen. Denn das von Gott verheißene und in Jesus Christus sichtbar und erfahrbar gewordene Leben, das vollendete Menschsein nach dem Maß der Fülle Christi, gewinnt seine Gestalt in der Gemeinde, welche die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens bewahrt und so ein Leib wird, von einem Geist, dem Geist Jesu Christi belebt. Es geht also nicht um das Leben im Sinne der Fortdauer unserer individuellen körperlichen Existenz, sondern um Leben in der Gemeinschaft, in erfüllten Beziehungen. Dieses Leben erschließt sich nicht von allein; es ist gefährdet und muss immer neu gestaltet werden. Das Bild des Lebens Jesu, der die Verlorenen und Sünder in seine Gemeinschaft aufnahm, der Kranke heilte und den Bedrängten Mut und Vertrauen schenkte, und der schließlich zur Hingabe seines eigenen Lebens bereit war, gibt uns das Maß für ein erfülltes Leben vor. Indem wir ihn suchen, uns an ihm orientieren, erfahren wir die Kraft seines Geistes, der uns in unseren Beziehungen untereinander belebt und uns ermutigt, einander in Liebe anzunehmen.

Das hier im Epheserbrief verwendete Bild von der Gemeinde als  „Leib“ ist ein ausdrucksstarkes Symbol für die Hoffnung auf erfülltes Leben. Jeder Leib ist ein lebendiger Organismus, der wächst und sich entfaltet bis er seine reife Gestalt erreicht. Jesus Christus ist sowohl das Maß, das Urbild des ausgewachsenen, vollkommenen Leibes der Gemeinde und damit ihr „Haupt“. Zugleich ist er durch seinen Geist die innere Kraftquelle, die den Leib zum Wachstum und zur vollen Entfaltung bringt. „Suchet mich, so werdet ihr leben“: diese Einladung bezieht sich daher sowohl auf das Ziel der Suche, das Urbild, die volle Gestalt des erfüllten Lebens, wie auch auf die Kraft und Energie, die uns bei unserer Suche den Weg und die Richtung weist und uns den Mut gibt, immer von neuem am Wachstum und der Auferbauung des Leibes zu arbeiten, und das heißt, die Einheit des Leibes zu stärken.

Es gibt aus der Frühzeit der ökumenischen Bewegung einen Text, der das Thema in Verbindung mit dem Textabschnitt aus dem Epheserbrief eindrücklich aufnimmt. Er findet sich am Ende der Botschaft der ersten Weltkirchenkonferenz, die 1925 in Stockholm stattfand. Dort heißt es: „Nur soweit wir, jeder Einzelne, durch Innerlichkeit zur Einheit gelangen, werden wir zur wahrhaften Geistes- und Gesinnungseinheit vordringen. Je näher wir dem gekreuzigten Christus kommen, umso näher kommen wir einander, wie verschieden auch die Farben sein mögen, in denen unser Glaube das Licht widerstrahlen lässt. Unter dem Kreuze Jesu Christi strecken wir einander die Hände entgegen, denn der gute Hirte starb dafür, dass er die zerstreuten Kinder Gottes zusammenführe. In dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn allein liegt die Hoffnung der Menschheit“.

Inspiriert wurde diese Botschaft und die ganze Weltkirchenkonferenz in Stockholm durch den Erzbischof der lutherischen Kirche von Schweden, Nathan Søderblom. Er gab damit der ökumenischen Bewegung und ihrer Suche nach der Einheit die Richtung vor im Sinne der reformatorischen Betonung des „solus Christus“, Christus allein. 500 Jahre nach dem Beginn der Reformation können wir heute wieder gemeinsam bekräftigen, dass die Kirche ständig der Erneuerung in der Ausrichtung auf Jesus Christus bedarf. Es ist eine Frucht dieser Einsicht, dass das Reformationsjubiläum in Deutschland von evangelischen und katholischen Christen und Kirchen gemeinsam als ein „Christus-Fest“ gefeiert werden kann.

So möchte ich schließen mit dem Segenswunsch, der den ersten Teil des Epheserbriefes und auch die Botschaft von Stockholm abschließt: „Dem aber, der überschwänglich tun kann, über alles hinaus, was wir  bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in  der Gemeinde und in Christus Jesus durch alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!“ (Eph. 3, 20f)

 

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