27.03.2016 | Predigt am Ostersonntag von Prof. Dr. Wolfgang Huber

Predigt am Ostersonntag, 27. März 2016,

in der Nagelkreuzkapelle in Potsdam

1. Korinther 15, 1-11

 

Liebe Gemeinde,

sie haben es wenigstens gemerkt, die Planer der Bahn. Ostern ist ihnen nicht entgangen. Ausdrücklich haben sie mitgeteilt - und ich zitiere wörtlich: „Ostern ist etwas ganz Besonderes! Im gesamten Jahreskalender sind nirgends so viele Feiertage versteckt wie von Karfreitag bis Ostermontag. Während man also Pendler lange suchen kann, finden wir Zeit, um in ganz Deutschland die Infrastruktur in Stand zu halten und zu modernisieren. An vielen Strecken ist daher mit dem frühlingshaften Erblühen unserer Baustellen zu rechnen.“

         Ja, sie haben immerhin gemerkt, dass Ostern ist, auch wenn sie Ostereier und Feiertage miteinander verwechselt haben. Denn versteckt sind die Osterfeiertage keineswegs; jeder kann sehen und spüren, dass der Lebensrhythmus ein anderer ist. Verwechselt haben sie auch Baustellen und Osterglocken. Denn dass Baustellen erblühen, ist allenfalls dann der Fall, wenn nicht auf ihnen gearbeitet wird. Aber dass in diesen ersten warmen Tagen des Jahres die Osterglocken auf den Tag genau zum Blühen kommen, das konnten wir alle dankbar und mit Freude wahrnehmen. Doch weder aus blühenden Baustellen noch aus blühenden Osterglocken ergibt sich, was Ostern ist und worum es an Ostern geht.

         Thomas de Maizière, der Bundesinnenminister, hat es in der vergangenen Woche neu begriffen. Gestern Abend hat er mir davon erzählt. Er war noch tief berührt von seiner Reise am vergangenen Mittwoch nach Brüssel, am Tag nach den Terroranschlägen. Er trag sich mit seinen Kollegen, den anderen Innenministern der EU-Staaten. Sie alle waren erschüttert von den mörderischen Gräueltaten in der belgischen Hauptstadt. In diese Erschütterung hinein sagte de Maizière: Diese Anschläge geschahen in der Karwoche. Doch uns Christen erinnert diese Woche auch daran: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Das war wie ein Lichtstrahl. Er erhellte das Dunkel. Die Kollegen nahmen es dankbar auf.

         Der Tod hat nicht das letzte Wort. Deshalb ist Ostern wichtig. Es lädt ein zum Aufstand gegen den Tod, gegen sinnloses Leiden, gegen mörderischen Wahnsinn.  Deshalb brauchen wir Ostern, gerade nach dieser Woche. Wir finden uns mit mörderischem Handeln nicht ab; denn der Tod hat nicht das letzte Wort. Ostern hat mit dem zu tun, was wir wichtiger brauchen als alles andere.

         Mit diesem hohen Rang versieht schon Paulus Ostern und die Osterbotschaft. Er erinnert die Gemeinde in Korinth daran, was er ihr als allererstes weitergegeben hat. Bevor sie mehr wussten über die Geschichte Jesu oder den Bund Gottes mit seinem Volk, über Gottes Schöpfertreue oder seine Gerechtigkeit, über die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst – vor allen derartigen, ohne Zweifel auch wichtigen Themen hatte der Apostel ihnen als erstes etwas anderes mitgeteilt. Wörtlich schreibt er: „Als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch selbst empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift.“ Christus nimmt den Tod auf sich, weil er in die Solidarität unserer Schuld und unserer Vergänglichkeit eintritt; er unterwirft sich dem Verfall, der uns alle ereilt und den jeder Friedhofsarbeiter bezeugen kann; aber er bleibt nicht im Tod, sondern erweist sich als lebendiger Herr. Das ist der Kern des christlichen Glaubens. Dafür ruft Paulus eine große Zahl von Zeugen auf, all die Frauen und Männer, die Jesus zu Lebzeiten kannten und mit ihm unterwegs waren, die um ihn trauerten und denen er als lebendige Kraft der Liebe begegnet ist.

         Dass neues Leben aus der Vergänglichkeit hervorgeht, dass die Kraft der Liebe die Mächte des Todes überwindet, dass also der Tod nicht das letzte Wort hat, das leuchtet uns an Jesus auf, und es kann uns einleuchten. Die Bilder, in denen die frühen Christen die Begegnung mit dem Auferstandenen zu beschreiben versuchten, sind uns dagegen vielleicht fremd geworden. Ein leeres Grab kann viele Deutungen auf sich ziehen; es veranschaulicht den Auferstehungsglauben nur für den, der an den lebendigen Christus glaubt. Auf die Begegnung mit ihm, mit seinem Wort und seinem Geist, kommt es an. Dann können uns auch die Erzählungen über das Ostergeschehen helfen. Anders herum geht es nur schwer. Denn im leeren Grab finden wir Jesus ja gerade nicht.

         Die Jünger Jesu mussten mit seinem Geist wieder in lebendige Berührung kommen, damit sein Tod und die Trauer um ihn sie nicht länger lähmten. Auch Paulus brauchte eine lebendige Begegnung mit Jesus, mit seinem Wort und Geist, um von seinem Verfolgungswahn frei zu kommen. In seinem Fall bestand der Wahn übrigens nicht darin, dass er meinte, verfolgt zu werden, sondern dass er meinte, verfolgen zu müssen. Den frühen Christen heftete er sich an die Fersen, weil er ihre Rechtgläubigkeit bezweifelte. Seine Orthodoxie erwies sich als der Feind lebendiger Begegnung: mit Christus selbst genauso wie mit seinen Freunden. Doch dann überwältigt ihn der Auferstandene: mitten auf der Straße, als Licht und als Wort: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“

         Es ist nicht so schwer zu verstehen, dass durch eine solche Frage Licht ins Leben kommen kann. Aber es ist doch ein Wunder eigener Art, wenn ein Verfolger des christlichen Glaubens dadurch zu einem Zeugen dafür wird, dass Jesus lebt.

         Paulus hat seiner Gemeinde als erstes mitgegeben, dass Jesus für unsere Sünden starb, dass er begraben und aus dem Tod auferweckt wurde. in seinem Brief knüpft er daran noch einmal an und verbindet die ihm überlieferte Botschaft mit einer langen Liste all derer, die in der frühen Christenheit als Zeugen für Jesu Auferweckung genannt wurden. Seine eigene Begegnung mit dem Auferstandenen nennt er auch, obwohl er sich gegenüber den anderen Zeugen am liebsten verstecken möchte - wie eine verscharrte Fehlgeburt, so sein drastisches Bild. Nicht weil er selbst stolz darauf ist, ein Auferstehungszeuge zu sein, erwähnt er sich selbst. Sondern weil an ihm, dem Christenverfolger, abzulesen ist, was Gottes Gnade vermag. Sie kann Menschen zu Zeugen seiner Liebe und zu Boten seiner Versöhnung machen. Allein „aus Gnade bin ich, was ich bin.“

         An Ostern geht es um die Auferstehung Jesu, nicht um unsere Auferstehung. Es geht darum, was er ist, nicht was wir können. Es geht darum, dass Gottes Gnade uns aufrichtet, nicht dass wir aus eigenen Kräften in die Senkrechte kommen. Die Schwierigkeiten mit Ostern haben es nicht mit dem leeren Grab zu tun, sondern mit unserer Schwierigkeit, andere genauso wichtig zu nehmen wie uns selbst. Sogar an Ostern! Auch an dem ihm gewidmeten Festtag kreisen wir nur um uns selbst, feiern unser Leben, nicht seines. An Ostern widmen wir uns beispielsweise der Frage, wie wir aus eigener Kraft dafür sorgen können, dass es nach dem Tod weiter geht. Nicht im Jenseits, sondern hier auf der Erde. Deshalb hält es eine große Wochenzeitung für eine gute Idee, an Ostern darüber zu berichten, wie Menschen dem Tod dadurch ein Schnippchen schlagen, dass sie sich einfrieren lassen. Nach 50, 100 oder 500 Jahren wird jemand kommen, der sie auftauen, wiederbeleben und zugleich von den Krankheiten befreien kann, an denen sie gestorben sind.

         Der Mensch, eine Maschine, die man wieder in Gang bringt, so lange es geht. Wenn sie nicht mehr funktioniert, wird sie auf Halde gelegt, bis andere Mechaniker kommen, mit besseren Hilfsmitteln, und die Maschine wieder in Gang setzen. Der Mensch, eine selbststeuernde Maschine, gelegentlich auf Eis gelegt. Wenn er nicht mehr funktioniert, muss er „dran glauben“, wie wir so arglos und ohne weiteres Nachdenken sagen. Woran glaubt eigentlich, wer „dran glauben“ muss?

         Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Daran glauben Auferstehungsleute. Durch Gottes Gnade sind wir mehr als eine Maschine, an der wir selbst herumwerkeln, so lange es geht, um schließlich auf Ärzte zu hoffen, die wir nur als Mechaniker verstehen, mehr nicht. Doch wenn wir durch Gottes Gnade mehr sind als eine Maschine, dann sind auch Menschen, die sich um uns sorgen, mehr als nur Mechaniker.

         Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Sein Licht macht mein Leben hell, auch wenn es in mir immer wieder finster aussieht. Deshalb ist Ostern ein Freudenfest, das Fasten ist zu Ende, es darf gelebt werden.

         Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Das gilt für jeden Menschen. Sogar für die, die Gottes Gnade in den Wind schlagen und gnadenlos über andere Menschen herfallen, in Terror und Krieg, aber auch in Ausbeutung und Diktatur, in heimlicher oder offener Gewalt in Familien oder auf den Straßen. Nicht allen können wir helfen, so wird gesagt. Aber alle können uns am Herzen liegen, weil Gottes Gnade allen Menschen gilt. Jede ist geliebt, jeder ist wichtig. Das ist der österliche Blick. Er verändert unsere Sicht auf unsere Mitmenschen. Er verändert den Ton der politischen Debatte. Christen beteiligen sich an ihr, indem sie sagen: Der Tod hat nicht das letzte Wort.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinn in Christus Jesus. Amen.

 

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