02.04.2016 | Mirjam-Gottesdienst - Predigt von Angelika Weller-Eylert

Mirjam-Gottesdienst in der Nagelkreuzkapelle Potsdam am 2.4.2016, 18 Uhr

Auslegung zu Johannes 11, 1 - 44

Geht es Ihnen, liebe Gemeinde, auch so? Das Ende dieser langen Geschichte kommt mir vor wie ein déjà-vu dessen, was wir vor einer Woche am Ostermorgen hörten:

Von weggelegten Binden und Tüchern war da die Rede, von einer Grabhöhle, einem weggeschobenen Stein davor und von Frauen, die als Erste begreifen, was sich ereignet hat. Mit einem gravierenden Unterschied: in der Geschichte, die wir eben hörten, erkennt eine Frau, Martha, sogar noch vor dem Wunder-Geschehen....

Es ist das 7. Zeichen Jesu, von dem Johannes am Ende unserer Geschichte erzählt, das 7., das der Vollendung, kurz vor Jesu eigenem Ende....

Am Anfang der Geschichte steht „Es war jemand krank, Lazarus“ - und dieser Lazarus wird beschrieben als der Bruder von Maria und Martha, aus ihrem Dorf, in Marthas Haus lebend.

Bei Martha, der „Herrin“, wie ihr Name heißt, der tüchtigen Hausfrau, der entscheidungsfreudigen Hausbesitzerin, der großzügigen Gastgeberin, wie wir sie aus der bekannten Geschichte kennen.

Maria wurde uns bei der Gelegenheit von Jesu Besuch bei den Schwestern als die Introvertierte, Nachdenkliche geschildert, und diesmal gibt es den Ausblick auf ihr prophetisches Handeln mit der Fußsalbung Jesu.

Lazarus dagegen erscheint in der Besuchsgeschichte gar nicht, und hier wird er definiert über die Schwestern. Später wird gesagt, dass Jesus „Martha und ihre Schwester und Lazarus“ liebt. Der Bruder wieder an letzter Stelle! Ist er der Jüngste? Und selbst wenn: warum erscheint er dem Erzähler deutlich als der Unwichtigste?

Was macht das mit einem Menschen, einem Mann, so hintan gestellt zu werden?

Lazarus legt sich nieder, schläft, wird krank, schlimm krank.

Und seine Schwestern schicken zu Jesus, dass er helfe, heile, rette. Beeil dich, es ist ernst.

Was gibt es da zu überlegen?

Auf eine solche Nachricht hin zögert doch kein vernünftiger, mitfühlender Mensch, denn es ist klar: wer da zu spät kommt, den bestraft das Leben - und nicht nur ihn.

Aber Jesus zögert, verzögert sein Hingehen. Völlig unerklärlich.

Ist er denn kein vernünftiger, mitfühlender Mensch? Was bewegt ihn?

„Gott heilt“ heißt der Name von Lazarus – wird Lazarus, wird seine Geschichte gebraucht, um zeigen zu können, wie Gott heilt?

Eben anders als ein vernünftiger, mitfühlender Mensch?

 

Jedenfalls lässt sich das aus der Erklärung Jesu für seine Jünger heraus hören.

Nur: die Schwestern und ihr Bruder hören diese Erklärung ja nicht....!

Und Lazarus liegt darnieder, schläft, ist krank, schlimm krank, schläft ein für immer, stirbt und wird begraben.

Wie Martha und Maria die nächsten Tage verbringen, wird nicht erzählt.

Was geht in ihnen vor, nach dem unzeitigen Tod des Bruders und nach der Enttäuschung über Jesu Ausbleiben?

Hätten wir doch die Chance für einen Neuanfang bekommen, dann hätten wir sicher manches sagen und vielleicht sogar manches klären können. Wir hätten einfach mehr Zeit miteinander gebraucht! Nie haben wir ihm gesagt, was uns stinkt im Zusammenleben mit ihm - und schon gar nicht, wie wichtig er ist, was er uns bedeutet.

Am 4. Tag kommt Jesus, mitsamt seinen Jüngerinnen und Jüngern, endlich daher. Martha hört davon und geht ihm eilends entgegen „Wärst Du doch hier gewesen!“

Wäre der Arzt doch schneller gekommen; hätten wir die Diagnose doch früher gehabt und damit Klarheit über die Zeit, die uns noch bleibt; wir hatten noch so viel vor - gemeinsam! Wir alle kennen diese Anklagen, denn wir alle hängen am Leben, an dem unserer Lieben und auch an unserem eigenen.

Auch die energische, lebenstüchtige, bodenständige Martha will sich nicht abfinden mit dem frühen Tod ihres Bruders. Erst muss sie noch sagen, was gesagt werden muss, was auch Jesus wohl noch mal extra gesagt werden muss:

 

Lazarus lag darnieder, schlief, war krank, schlimm krank, schlief ein für immer,

starb und wurde begraben und jetzt stinkt er schon.

 

Und Jesus? Wie begegnet er dem Vorwurf Marthas?

 

Er antwortet mit einem Glaubens-Satz: Dein Bruder wird aufstehen.

 

Das weiß Martha längst: ja, am Jüngsten Tage.

Derlei Sätze kann sie runterbeten: mit den überlieferten Formeln der Vorväter und Vormütter zu Glaube und Auferstehung kennt Martha sich wahrlich aus.

 

Im griechischen Urtext steht an dieser Stelle „egeirein“ und dabei ist auffällig,

dass dies Verb keinen Unterschied macht zwischen aufstehen und auferstehen.

Es gibt kein Sonder-Wort, das für die theologische Auferstehung reserviert wäre.

Der Jüngling zu Nain steht auf; Maria aus Nazareth steht auf, um zu ihrer Freundin Elisabeth über’s Gebirge zu wandern; der Zöllner steht auf und folgt Jesus nach; die Schwiegermutter des Petrus steht auf von ihrem Krankenlager; auch Lazarus’ Schwester Maria wird aufstehen, gleich, in unserer Geschichte.

 

In dieser Szene, jetzt, sitzt Maria noch reglos und stumm daheim, mit anderen zusammen, vielleicht um den Vorschriften des schiwa-Sitzens, dem Trauerzeit-Gebot, zu gehorchen, aber vermutlich als Ausdruck ihrer persönlichen Blockiertheit.

 

Martha dagegen gibt ihrer persönlichen Betroffenheit Ausdruck und formuliert ein Christus-Bekenntnis, das erste einer Frau. Trotz zerstörter Hoffnung, enttäuscht über das ausgebliebene Wunder, ist sie fähig, zu sprechen:

 

Ja, du bist das lebendige verlässliche Zeichen dafür, dass unser irdisches Leben nicht vergänglich und sinnlos ist. Was auch immer geschieht: nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, auch nicht der Tod.

 

Jesu Aussage „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ und Marthas bisherige Erfahrungen mit Jesus lassen sie glauben, dass dies der Erwählte Gottes ist.

„Ich bin“ – das gilt, jetzt und allezeit. Ich bin da, vertrau mir.

 

Und so lässt sich Martha herausholen aus ihrer tiefsten Verzweiflung und wird zur Apostelin, zur Verkündigerin der Frohen Botschaft:

ihre Schwester Maria steht auf ihr Wort hin auf, die Mittrauernden stehen auf.

Eine Aufstehbewegung, wie ein großer Heilungsprozeß, kommt durch Marthas Bekenntnis in Gang – bis heute.

 

Darum lässt Marthas Vor-Bild mich fragen:

Wo haben die einst erlernten Glaubens-Sätze, die Formeln unserer Vorväter und Vormütter, ihren Platz in unserem Alltags-Leben? Haben sie sich im Lauf unserer Biografie verändert? Haben sie womöglich an Wert gewonnen – vielleicht grade weil sie sich veränderten?

Wofür stehen wir ein, wofür stehen wir auf?

Drücken wir unseren Glauben noch in verständlichen Worten aus? Wenn, ja: wann und wo? Welche Situationen, welche Begegnungen fordern uns dazu heraus?

 

Welche Worte haben Sie für das, was Ihnen im Leben - und hoffentlich dereinst im Sterben - hilft?

 

Ich habe letztes Jahr wieder einmal im EKBO-Team für den Mirjam-GD mitgearbeitet. U.a. machte ich es mir dabei zur Aufgabe, zu forschen, wie es sich anhört, wenn heutige Menschen ihre Erfahrungen mit Gott und Jesus, ihren Glauben und ihre Auferstehungs-Hoffnung formulieren. Es kam ein ganz erkleckliche Sammlung zusammen, die wir für ein paar Wochen im Eingangsbereich auslegen.

Vielleicht können diese Bekenntnisse Ihnen zur Anregung und Hilfestellung werden.

 

Mich persönlich haben in den letzten Wochen Worte von Huub Osterhuis sehr intensiv begleitet und bestärkt.

Sie stammen aus einem Lied, das wir hier mehrfach sangen:

 

„Es winkt eine Hand uns, es ruft eine Stimme:

Ich öffne Himmel und Erde und Abgrund.

Und wir werden hören, und wir werden aufstehn

und wir werden lachen und jauchzen und leben.“

 

Daran glaube ich, darauf vertraue ich, dafür stehe ich ein

und das wünsche ich allen.

Amen, ja, so sei es!

 

Angelika Weller-Eylert, Potsdam, März 2016

(nach Impulsen von:

Christiane Markert-Wizisla, Lucia Sutter-Rehmann und Nico ter Linden)

 

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