29.10.2017 | Grußwort zum Baustart von Dr. Jörg Antoine

Sehr geehrter Herr Minister Schmidt, sehr geehrter Herr Bürgermeister Jacobs,verehrter Bischof Huber, verehrte Frau Präses SchwaetzerSehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder,

zunächst darf ich Ihnen die herzliche Grüße und Segenswünsche unseres Bischofs Dr. Markus Dröge ausrichten. Bischof Dröge ist in diesem Moment bei den Reformationsjubiläumsfeierlichkeiten der Evangelischen Augsburgischen Kirche Polens in Warschau. Bischof Dröge wird dort etwas Besonderes übergeben. Wir haben jüngst nach intensiven Recherchen die Begräbnisstätte des 1942 in deutscher NS-Haft verstorbenen polnischen Bischofs Julizus Bursche gefunden. Bursche war Bischof der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, ein entschiedener Befürworter der Existenz Polens. Bis heute wird er in Polen hoch verehrt. Da er als Nachfahre deutscher Zuwanderer für Polen eintrat, was in der NS-Ideologie als „Verrat am deutschen Volkstum“ galt, wurde er 1939 verhaftet und starb 1942 unter ungeklärten Umständen im KZ Sachsenhausen. Die Herausgabe der sterblichen Überreste an seine Angehörigen wurde verweigert, ebenso die Bekanntgabe des Ortes seiner Bestattung. Die Erinnerung an ihn sollte völlig getilgt werden.

In Polen haben heute viele Menschen das Gefühl, dass in Deutschland das unermessliche Leid vergessen wird, das Deutsche während des zweiten Weltkriegs den Menschen in Polen zugefügt haben. Manch Politiker schürt in Polen diese Stimmung sogar noch an. Umso dankbarer sind wir, dass wir die Dokumente zum Grab von Bischof Bursche heute in Polen überbringen konnten. Und Bischof Dröge uns mit dem was er in diesem Moment an Versöhnungsarbeit in Polen unternimmt uns hier am Standort des wieder aufzurichtenden Turms der Garnisonkirche ganz nahe sein wird.  Weil es genau darum hier gehen wird: Geschichte erinnern, Verantwortung erlernen, Versöhnung leben. Das soll der Dreiklang an diesem Ort des wiederaufgebauten Turms der Garnisonkirche sein. Und es fängt an mit Geschichte erinnern. So wie bei der Grabstätte von Bischof Bursche – brauchen wir Orte der Erinnerung. Eine schlichte Plakette auf dem Straßenboden wäre eine Erinnerung an die Garnisonkirche – aber die trostloseste Form der Erinnerung, wo das Zerstörungswerk des Totalitarismus des 20. Jahrhunderts im Potsdamer Stadtbild das letzte Wort hätte.

Nein, es ist schön, wenn der Turm der Hof- und Garnisonkirche, der einen Zeitraum von mehr als 230 Jahren die Silhouette Potsdams geprägt hat, wieder Teil des berühmten Dreikirchenblicks in dieser Stadt sein wird. Wenn auch diese Wunde im Stadtbild der Stadt Potsdam so wie das Stadtschloss und das Palais Barberini geschlossen wird. Aber die Garnisonkirche in ihrem Innern ebenso wie der Landtag im Stadtschloss oder das Museum Barberini im Palais Barberini mit einem neuen Raumprogramm neue Möglichkeiten schafft. Ein Haus ohne Hemmschwelle, in dem Touristen, Passanten und interessierte Schulklassen an einen besonderen Ort der Geschichte geführt werden. Einer Geschichte mit dem Tiefpunkt des Tags von Potsdam, dem Handschlag zwischen Hitler und Hindenburg – zwischen den Nazis und den Konservativen. Aber auch einer Geschichte mit hoffnungsvollen Momenten. Wo vor zweihundert Jahren anlässlich der Feierlichkeiten zum 300-jährigen Jubiläum der Reformation am 31. Oktober 1817 erstmals ein gemeinsamer Gottesdienst von Reformierten und Lutheranern stattfand. Ein Ort aber auch, wo die Kirche selbst Opfer wurde. Wo auf Beschluss der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) etwa zeitgleich mit der intakten Leipziger Universitätskirche im Mai und Juni 1968 aus ideologischen Gründen der Turm mit der darunter liegenden Heilig-Kreuz-Kapelle gesprengt wurde.

Es ist bereits jetzt mit der Nagelkreuzkapelle ein Lernort der Geschichte, der aber mit dem wieder aufgebauten Turm und seinem Raumprogramm ein viel stärkerer Ort der Anziehung von Touristen, Schülern, Besuchern, Veranstaltungsgästen werden wird. Die Synode unserer Landeskirche hat nach einer intensiven Debatte 2016 beschlossen, die Entstehung dieses Erinnerungs- Lern- und Versöhnungsortes zu fördern. Aber es wird nur dann ein guter Lernort der Geschichte werden können, wenn an ihm die Zerrissenheit der Geschichte erkennbar bleiben wird. Deshalb darf und wird es keine 1:1 Rekonstruktion werden. Denn die würde nicht Geschichte erinnern, sondern Geschichte vergessen machen. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist deshalb zu dem Symbol für das kriegszerstörte Deutschland geworden, weil es die Gebrochenheit gelassen hat und mit einer zeitgemäßen, ausdrucksstarken Architektur verbunden hat. Und nur in dieser Weise könnte ich mir ein Kirchen-Hauptschiff an diesem Standort vorstellen.

Es muss an der Garnisonkirche ablesbar und spürbar bleiben, dass wir es mit einer Geschichte mit glanzvollen Momenten ebenso wie mit Erinnerungen an schändlichste Stationen der deutschen Geschichte zu tun haben. Nur dann wird der Ort Erinnerung ermöglichen und zum Lern- und Versöhnungsort werden können.  Martin Luther beschrieb den Menschen als simul iustus et peccator – als gerechtfertigten Menschen und Sünder zugleich. Wir Menschen sind zum Guten wie zum Bösen fähig. Uns ist unsere Unvollkommenheit immer bewusst. Und wir haben die Momente von geglücktem Zusammensein – von echter Freundschaft und wahrer Liebe. Als Christen schöpfen wir aus der Begegnung mit Jesus Christus Zuversicht und Kraft. Christus ermutigt uns zum ersten Schritt - zur Versöhnung. Ob in der Familie oder zum Nachbarn, ob zu einer Nachbargemeinde oder zum Nachbarstaat - wir können immer wieder neu beginnen. Welch Fügung, dass wir das Grab von Bischof Bursche gerade jetzt gefunden haben und es uns ein Versöhnungszeichen nach Polen bringen lässt. Und wie dankbar können wir doch sein, gerade jetzt beim anstehenden Brexit mit der Wiedererrichtung des Turms der Garnisonkirche deutlich zu machen, wie wichtig uns die Nagelkreuzgemeinschaft ist. Und wir an einen solchen Ort dieser Gemeinschaft investieren, um viele Menschen an die Geschichte zu erinnern, Verantwortung erlernen zu lassen und zur Versöhnung zu ermutigen. 

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Dr. Jörg AntoineKonsistorialpräsidentEvangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO)

 

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