27.05.2017 | Gottesdienst zum Kirchentag - Versöhnungsgottesdienst: Reformation von Kirche heute

Versöhnungsgottesdienst: Reformation von Kirche heute

Predigt zu 2. Kor. 5,17 ff.

von Dr. Elisabeth Raiser

 

Liebe Schwestern und Brüder, 

es gibt einen wunderbaren Satz im zweiten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth, die wir unserm heutigen Abendgebet zugrunde legen wollen. Er schreibt im 5. Kapitel Vers 17:

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

Diese Hoffnung auf das Neue, auf eine Art Eintauchen und Abwaschen des Alten und Wiederauferstehung in neuem Gewand und in neuer Gestalt – das ist eine Hoffnung, die wir wahrscheinlich alle kennen. Und es ist auch eine Hoffnung unserer Gemeinschaft in der Kirche. Sie bewegte die Reformatoren und sie bewegt uns heute. Wie können wir als die Gemeinschaft, die sich auf Jesus Christus bezieht, authentisch in seiner Nachfolge leben? Das ist eine große Frage, eigentlich die Existenzfrage der Kirche. Ich müsste ehrlicherweise sagen: zu groß für mich! Aber hier in der Nagelkreuzkapelle, die sich diese Frage ja immer wieder stellt und nach dieser Authentizität sucht, wage ich es einen kleinen Baustein dazuzutun.  

Lassen Sie mich zunächst zwei Erinnerungen mit Ihnen teilen: Ich hatte in meinem Leben das Glück, viele Kirchen in andern Ländern kennenzulernen, und ich fand immer, dass sie uns inspirieren können. So z.B. die Waldenserkirche in Italien. Ich war mit einer Gruppe in Torre Pellice in Norditalien dort in der Hauptkirche der Waldenser. Vor dem Gottesdienst wanderte ich durch das Kirchenschiff und entdeckte ganz unerwartet und ziemlich versteckt in einer Nische zwei Fresken auf kleinen Holztafeln. Auf dem ersten Bild war der Papst zu sehen – er sitzt auf einem hohen Thron, sein langer wallender Samtmantel fällt bis auf die Erde hinab und unten kniet ein Gläubiger und küsst ihm den Saum. Daneben auf dem Bild ist Jesus zu sehen, der vor einem Jünger kniet und ihm die Füße wäscht – das alles ganz ohne Kommentar. Im Gegensatz dieser beiden Bilder liegt die Botschaft der Bilder: die Demut und der hingebungsvolle Dienst Jesu – das war schon im Mittelalter das Vorbild der Waldenser gegenüber der Pracht, der Hierarchie und dem Reichtum der damaligen Römisch Katholischen Kirche. Und sie sind auch nicht unkritisch gegenüber dem Reichtum der Evangelischen Kirchen!

Das Neue ist in dieser Botschaft die Besinnung auf den Ursprung. Die Waldenser hatten lang vor der Reformation hier bei uns das Evangelium mit seiner Botschaft der Armut, der Demut und der Hingabe an den Nächsten neu entdeckt.

Und so scheint mir: Der Dienst am Nächsten und Fernsten, heute die Hilfe für Obdachlose, für Flüchtlinge, für Kranke und Alte, für Kinder und Menschen mit Behinderungen, auch die Entwicklungshilfe wie Brot für die Welt sie praktiziert – das sind wichtigere Bausteine unserer Kirche als die Sorge um den Erhalt unseres materiellen und geistlichen Besitzes, um den sich die KL und PfarrerInnen oft ungebührlich viel kümmern müssen. Diese Dienste am Nächsten sind ein Rückgriff auf den Ursprung unseres Glaubens – und darin erleben sie Neues – Neues, das Christus schafft und das uns geschenkt wird.  

Eine zweite Erinnerung: Zehn Frauen aus verschiedenen Ländern Europas saßen in einem hellen Raum der Akademie Boldern oberhalb des Zürichsees in der Schweiz – und spannen ihre Visionen von Kirche zusammen. Wir begannen mit Bildern, die jede Einzelne von ihrer persönlichen Vision von Kirche malte. Was war darauf zu sehen? Lauter Bilder lauter Visionen von Kirche, für die es in den Evangelien Texte oder Geschichten gibt, die darauf passen, es waren also auch hier lauter  Visionen, die zu den Ursprüngen zurückgingen, also die Botschaft der Bücher des Neuen Testaments aufnehmen und auf ihre Umsetzung hoffen.

Welche Bilder gab es da? Zunächst weit geöffnete Türen, durch die Christus hineinging oder durch die Menschen verschiedenster Hautfarbe und Statur ein- und ausgingen – Mir fällt dazu ein der Vers in der Offenbarung, in dem letzten der sieben Briefe an die Gemeinden (Laodizea):Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hören wird und auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir (Offbg. 3,20)  ….. und ich frage mich: heißt Reformation von Kirche heute nicht vielleicht, dass wir unsere Türen weiter öffnen sollten als bisher? Öffnen für ein kontinuierliches Gespräch mit unsern Schwesterkirchen, für den Dialog mit den andern Religionen – so wie es jetzt beim Kirchentag auf so überzeigende Weise geschieht! Wir werden dann vielleicht erkennen, dass unsere Wahrheit nicht die einzig wahre ist, sondern dass sie sich in diesem Gespräch erweitert, größer wird, umfassender und großzügiger.

Was könnte das bedeuten? Ich hole mir dafür noch einmal Hilfe bei den Bildern: Ein Bild nahm das Haus der lebendigen Steine aus dem zweiten Petrusbrief auf, mit Christus als dem Eckstein. Dies Haus lebt von der Lebendigkeit der Steine – es ist nicht festgemauert in Dogmen und Glaubenssätzen, sondern es lässt Luft hinein, neue Formen des Gottesdienstes, die aus dem vollen Leben der Welt erzählen und versuchen dieses volle weltliche Leben auf Christus und seine Botschaft zu beziehen. Sein Leben hat Jesus ja auch mehr auf den Straßen und in den Städten und Dörfern gelebt als in den Synagogen, er war ganz nah an den Menschen. Daher beeindrucken mich immer besonders die Gefängnispfarrer oder Krankenhausseelsorgerinnen und ihre Helferinnen und Helfer. Sie leben wirklich in der Nachfolge Christi, aber ihre Erfahrungen  spielen im Leben der normalen Gemeinden kaum eine Rolle. Sie verwirklichen etwas von der Offenheit, die das  Haus der lebendigen Steine durchweht und unsere Kirche insgesamt stärker durchwehen und durchpusten könnte. Der Kirchentag kommt diesem Haus der lebendigen Steine finde ich schon recht nah. Wie schön wäre es, wir könnten von seinem Geist der Freiheit etwas in unser normales Kirchenleben übernehmen!

Zur Freiheit gehört die Fähigkeit loszulassen dazu. So zeigte ein weiteres Bild ein leichtes Dach über einem offenen Raum, der einem Segelschiff mit geblähten Segeln glich. Daneben ein Bild, auf dem es gar kein Gebäude gab, sondern nur wandernde Menschen mit leichten oder gar keinem Gepäck. Das erinnert stark an Kirchentag! Auch dies Bild geht im Grunde auf die Ursprünge der Evangelien zurück. Mir kommt dazu die Geschichte vom reichen Jüngling in den Sinn, der Jesus nachfolgen wollte und alle Gebote beherzigte und umsetzte – aber als Jesus ihn aufforderte, seine Reichtümer zu verschenken, auf die Nachfolge traurig verzichtete. Es ist schwer auf unser ererbtes oder erworbenes Gut zu verzichten, um dadurch frei und beweglich zu werden, also loszulassen. Könnte Reformation der Kirche heute vielleicht heißen, etliche Güter, auch Traditionsgüter loszulassen, um frei für neue Wege zu werden? Diese Versöhnungskapelle ist doch ein gutes Beispiel dafür, welche Möglichkeiten sich auftun, wenn wir uns von den traditionellen Strukturen einmal lösen und neue Wege ausprobieren, hier Wege der Versöhnung.

Dazu passt ein weiteres Bild, das eine andere Botschaft als die der Freiheit und Offenheit hatte: es zeigte einen von Kerzen erhellten geschlossenen Raum, das die Sehnsucht nach Licht, nach Schutz und Sicherheit zum Ausdruck brachte. Beim Gespräch waren wir alle beeindruckt, wie sehr die Malerin in der Kirche Trost suchte. Und wir kamen schnell zu unser aller Hoffnung auf Versöhnung und Vergebung, auf unsere Sehnsucht danach zu erfahren, dass Liebe den Hass überwindet, dass unsere Schuld uns nicht niederdrückt, sondern wir Auferstehung zu einem neuen Leben erfahren können.

 „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Der Text geht dann weiter

18 Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben hat, das die Versöhnung predigt.

Jesu Leben, Sterben und seine Auferweckung ist eine Geschichte der Versöhnung. Er hat die Ausgegrenzten und die Fremden gesehen und zu sich geholt, er hat die Kranken geheilt und hat selbst die Feindesliebe verkündet und vorgelebt. Das ist unser Schatz in der Kirche, von dem sie lebt. Darauf immer wieder zurückzukommen und zu fragen, was das für uns und für unsere Kirche heißt, das bedeutet für mich Reformation von Kirche heute.

Es gibt so wunderbare Versöhnungsgeschichten in der Bibel. Beim Kirchentag standen drei von ihnen in den vergangenen drei Tagen bei den Bibelarbeiten im Mittelpunkt: Die Geschichte der Begegnung von Elisabeth und Maria in einer für beide heiklen Situation, die Geschichte der Versöhnung der verfeindeten Brüder Esau und Jakob, schließlich die Geschichte von Zachäus, dem wuchernden Zöllner, bei dem Jesus zum Essen kam und ihn mit diese Geste der Zuwendung von seiner Gier befreite. Wir Zuhörenden waren alle tief bewegt von der Eindringlichkeit dieser Geschichten. 

Die Kapelle hier in Potsdam mit ihrem Nagelkreuz aus den Nägeln der zerbombten Kathedrale von Coventry ist ein großes Hoffnungszeichen. Dies Kreuz symbolisiert die Liebe, die den Hass überwindet, von der all diese Geschichten erzählen. Machen wir uns auf den Weg und öffnen wir unsere Türen und Herzen für die Botschaften von der Versöhnung, damit wir selber ihre Boten werden können.

Und der Friede Gottes der höher ist als alle unsere Vernunft, sei mit uns allen. Amen.

 

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