29.10.2017 | Gottesdienst zum Baustart

Wolfgang Huber

Predigt im Gottesdienst zum Baustart des Turms der Garnisonkirche Potsdam

 

 

„Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk!“ So beginn der Lobgesang des Priesters Zacharias. Es sind die ersten Worte, die der Vater Johannes des Täufers nach neun Monaten über die Lippen bringt. Neun Monate zuvor hatte ein Engel ihm angekündigt, seine betagte Frau Elisabeth sei mit einem Sohn schwanger. Das hatte ihm die Sprache verschlagen. Dann kam Johannes zur Welt. Sein Name bedeutet:

„Gott ist gnädig“. Als dieser Johannes heranwuchs, sah er seine Aufgabe darin, auf einen anderen hinzuweisen, in dem Gottes Gnade in Person zu den Menschen kam: Jesus von Nazareth.

„Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!“ So singen Christen seit zwei Jahrtausenden in Klöstern und Kommunitäten, in Gottesdiensten rund um den Globus das „Benedictus“ in ihrem Morgengebet. Der Lobpreis des Zacharias am Morgen gehört ebenso in den Kernbestand der christlichen Frömmigkeit wie am Abend der Lobgesang der Maria, der den Namen

„Magnificat“ trägt: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes.“ So fängt dieser andere Lobgesang ein: eine Frau auf der einen, ein Mann auf der anderen Seite preisen Gott dafür, dass in einem Kind, in neu beginnendem Leben, Gottes Gnade zu uns kommt. Beide Lieder haben einen festen Platz im Stundengebet der Christenheit, das Benedictus des Zacharias am Morgen, das Magnificat der Maria am Abend.

„Gelobt sei Gott; er besucht und erlöst sein Volk“. Mit diesem Lobgesang, der die Jahrtausende überdauert, beginnen wir heute die Bauarbeiten, an deren Ende der Turm der Garnisonkirche Potsdam wieder neunzig Meter in die Höhe ragen soll. Lange wurde dieser Schritt vorbereitet; viele Widerstände waren zu überwinden; vielfältige Unterstützung war nötig; und die Einwände dagegen mussten immer wieder gehört und erwogen werden. Der Turm soll wieder werden, was er für Jahrhunderte war: ein architektonisches Zeichen in der Stadtlandschaft. Und er soll werden, was er noch nie war: ein Zentrum für Frieden und Versöhnung. Das architektonische Zeichen war im Innern weitgehend leer. Nur eine Treppe führte zum Glockenspiel. Der neue Turm soll mit Leben gefüllt sein. Auf 1200 Quadratmetern soll es sich entfalten: eine Kapelle, eine Ausstellung, eine Bibliothek, ein Seminarbereich und nicht zuletzt eine Aussichtsplattform.

All das gab es im früheren Turm nicht. Eine Kapelle entstand erst, nachdem die Kirche und mit ihr auch der größte Teil des Turms infolge des von Deutschland ausgelösten Zweiten Weltkriegs zerstört worden war. Im Sockel dieses Turms richtete sich die Heiligkreuz-Gemeinde ein. Sonntag für Sonntag feierte sie hier Gottesdienst, bis ihre Kapelle auf politisches Geheiß 1968, an einem Sonntag zur Gottesdienstzeit, zerstört wurde. Wie stabil der Sockel des Turms war, hatten die Sprengmeister des Jahres 1968 unterschätzt. Widerstandsfähigkeit aber eignete nicht nur der Architektur, sondern auch den Menschen, die sich in der Heiligkreuz-Kapelle zum Gottesdienst versammelten. Das sollten auch die nicht vergessen, die unentwegt die Geschichte dieses Turms auf den 21. März 1933 zusammenschnurren zu lassen.

„Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk.“ So beginnt der Lobgesang des Zacharias. Und am Ende stehen die zuversichtlichen Worte: „Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wir uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“.

Anfang und Ende zusammen prägen die Hoffnung, die wir in diesen Bau legen.Der Anfang gilt dem Lob Gottes. Denn aus welchem anderen Grund sollte man ein so hochragendes Gotteshaus bauen als zur Ehre Gottes! Am Ende steht die Bitte, dass Gottes Barmherzigkeit die erreicht, die ihr Leben in Finsternis und unter dem Schatten des Todes führen müssen, und dass diese Barmherzigkeit unsere Füße auf den Weg des Friedens richtet. Das ist das Ziel, auf das hin wir bauen. Das ist der Weg, den wir an diesem Ort gehen wollen. Ein Ort des Friedens und der Versöhnung soll hier entstehen, nichts anderes.

Der äußere Bauplan, von kundigen Architekten und Bauleuten sorgfältig abgesteckt, verbindet sich mit einem inneren Bauplan, dessen Konturen durch den Lobgesang des Zacharias klar vorgezeichnet sind.

Allem voran: Der Frieden wird dadurch gefördert, dass Gott allein die Ehre zukommt. Dass politische Herrschaft höher geschätzt wurde als die Herrschaft Gottes, war das Verhängnis unserer Geschichte. Dass wirtschaftliche Macht wichtiger erscheint als die Macht Gottes, ist die Gefahr unserer Gegenwart. Wenn hier wieder ein Turm in die Höhe wächst, ist seine Botschaft klar. Er weist in den Himmel, der offen sein und bleiben soll für Gottes Gegenwart, für seine Herrschaft und Macht.

Die Kontur für den Umgang mit unseren Mitmenschen ist ebenso deutlich: Dem Frieden dienen wir, indem wir auf die achten, die in Finsternis gehalten, ihrer Freiheit beraubt, durch Gewalt gepeinigt, durch Armut gedemütigt werden. Den Frieden fördern wir, wenn wir der Feindschaft keine Macht einräumen über unsere Gedanken. Deshalb verpflichtet dieser Ort zum Widerstand gegen alle Versuche, das Leben der Menschen der Feindschaft und der Gewalt zu unterjochen.

In seiner Geschichte gingen von diesem Ort andere Botschaften aus. Menschen rüsteten sich für den Krieg und wurden von hier aus in den Krieg geschickt. Die Trophäen, die sie zurückbrachten, wurden in der Kirche ausgestellt. Für die Vorbereitung einer unvergleichlichen Gewaltherrschaft wurde die Garnisonkirche zu einem symbolischen Ort. Wo sollten wir die Notwendigkeit des Friedens erkennen wenn nicht hier, wo einzelne auch in der Zeit der Naziherrschaft den Mut zum Widerstand fanden?

Deshalb hat sich dieser Ort mit der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry verbunden, die aus der Erinnerung an die Schrecken des Zweiten Weltkriegs die Energie für Frieden und Versöhnung gewinnt. Daran wollen wir uns hier in Potsdam beteiligen. Die Nagelkreuzgemeinschaft orientiert uns Handeln an diesem Ort in drei wichtigen Hinsichten.

Die erste Hinsicht heißt: Wunden der Geschichte heilen. Wir wissen: Die Verbrechen der Vergangenheit prägen auch noch die Verantwortung derer, die an der Schuld der Vergangenheit keinen Anteil haben. Auch die kommenden Generationen haben dafür einzutreten, dass sich Vergleichbares nicht wiederholt. Nur wenn die Erinnerung an das Grauen der Vergangenheit lebendig bleibt, können die Wunden der Geschichte heilen. Wir wissen, dass die Garnisonkirche in die unheilvolle Geschichte unseres Landes nicht nur an einem einzelnen Tag verwickelt war. Eben darum wollen wir an diesem Ort Geschichte kritisch erinnern.

Die zweite Hinsicht heißt: Unterschiede wahrnehmen und Vielfalt gestalten. Menschen uniformiert wahrzunehmen – im wörtlichen und im übertragenen Sinn – , ist tief in unserer politischen und kirchlichen Geschichte verankert. Wer sich dem uniformen Bild nicht fügte, galt als Feind. Heute lernen wir, dass Unterschiede kein Grund zur Angst sind. Vielmehr sind sie Zeichen für die Vielfalt der Gaben, die Gott der Menschheit schenkt. Schwierigkeiten, die aus der Vielfalt entstehen – und es gibt sie – , sind deshalb in wechselseitiger Achtung zu bearbeiten und zu lösen. An diesem Ort sollen gegenwärtige und künftige Generationen Verantwortung lernen: Verantwortung für gelebte Vielfalt in einem demokratischen Gemeinwesen.

Die dritte Hinsicht heißt: Eine Kultur des Friedens schaffen. Frieden ist nicht nur ein politisches Projekt, sondern eine gelebte Kultur. Kirchen können Vorreiter dieser Kultur sein, wenn sie versöhnte Verschiedenheit praktizieren und aus ihr leben. Auch das Miteinander der Religionen kann in diesem Geist entwickelt und geprägt werden. Aus ihm lassen sich Verbindungen über Grenzen hinweg knüpfen. Deshalb soll der Turm der Garnisonkirche zu einem weithin wahrnehmbaren Ort des Friedens und der Versöhnung werden.

Am Lobgesang des Zacharias wollen wir uns orientieren. Sein Anfang und sein Ende sollen alles bestimmen, was hier durch die Kunst der Bauleute aus dem Boden wächst, was von vielen Menschen gefördert wird und dann vielen eine Heimstatt bieten soll: für die Zuwendung zu Gott, der uns in Christus barmherzig begegnet, und für den Weg, den wir im Licht dieser Barmherzigkeit gehen wollen. Denn dieses Licht „erscheint denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richtet unsere Füße auf den Weg des Friedens“.

Gib Frieden, Herr. gib Frieden! Amen.

 

 

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