11.09.2017 | Gottesdienst am 09.09.2017 in der Nagelkreuzkapelle

Gottesdienst am 9.9.2017 in der Nagelkreuzkapelle in Potsdam

Die Gnade, der Friede und die Barmherzigkeit Gottes seien mit Euch!

 

Predigttext: Leviticus/3. Buch Mose 19, 32-34

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der Herr.

Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und di sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der Herr, euer Gott."

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

Das alte Israel kannte sie auch schon: Fremdlinge werden sie in unserem Text genannt: Menschen mit einer anderen Sprache, einem eigenen kulturellen Hintergrund, einer fremden Religion. Ins Land gekommen, geflüchtet waren diese Menschen auch damals schon vor allem vor Krieg und Hungersnöten. Ohne Rückhalt eines Familienclans, ohne Grundbesitz, ohne Teilhabemöglichkeiten am politischen Geschehen waren sie der Willkür Einheimischer ausgeliefert: ihre Arbeitskraft wurde ausgebeutet, sie wurden diskriminiert, mussten mit gewalttätigen Übergriffen rechnen. Auch wenn die Angst vor den Fremden in der Bibel nicht ausdrücklich genannt wird, kann man angesichts der Mahnungen davon ausgehen, dass sie u. a. auch damals Anlass für die Bedrückung der Fremdlinge war.

Warum haben Menschen Angst vor dem Fremdling? Warum sind sie nicht vor allem neugierig? Damals wie heute eine zentrale Frage, wenn es um Integration geht – bei uns heute seitdem die Zahl der Geflüchteten in unserem Land erheblich gestiegen ist. Die meisten Geflüchteten kommen zu uns aus muslimischen Ländern. Wir verstehen in der Regel ihre Sprache nicht, ihre Gebräuche und Sitten sind uns fremd, die Sache mit dem Kopftuch finden wir merkwürdig, viele sehen es als Zeichen der Unterdrückung der Frauen. Und damit sind wir schon beim Thema Religion: einige Begriffe sind uns inzwischen bekannt wie Moschee, Imam, Koran, Allah. Immer schon sind „Fremde“ in unser Land gekommen, vor allem auch aus unseren Nachbarländern. Infolge eines Mangels an Arbeitskräften gab es den sechziger Jahren besondere Kampagnen in Italien, Griechenland und der Türkei zwecks Anwerbung. Sie kamen als so genannte Gastarbeiter, Arbeitsmigranten. Viele blieben hier, holten ihre Frauen und Kinder nach, bauten ihre eigene Welt mit Läden, Kaffeehäusern, Moscheen. Integration blieb lange ein Thema vor allem für kluge Bücher und Reden. Seit zwei Jahren im Zuge der so genannten Flüchtlingskrise erfährt Integration eine breitere gesellschaftliche Aufmerksamkeit und demzufolge auch die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Strömungen des Islam.

Aber unsere moslemischen Mitbürgerinnen und Mitbürger sind nicht die einzigen, deren Religion mit ihren Gebräuchen, Grundsätzen und Regeln als fremd betrachtet wird und damit Anlass gibt, sie verbal oder auch handfest zu bekämpfen. Verstärkt geschehen derzeit Übergriffe auf Menschen jüdischen Glaubens – schon Kinder und Jugendliche haben darunter zu leiden.

 „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken.“  Diese Anweisung steht in den so genannten Heiligkeitsgesetzen: „Und Gott redete mit Mose und sprach: Rede mit der ganzen Gemeinde der Israeliten und sprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott.“ Etwas Besonderes sein durch die Beziehung zu Gott, sich herausheben aus dem Alltäglichen. Es sind alles Regeln, Hinweise für die Gestaltung eines friedlichen Miteinanders -  wie eben auch: „Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren…“

Aber sie stehen nicht allein da. Der Fremdling soll nicht nur ohne Diskriminierung leben können, sondern: „Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst;“ Das Nächstenliebe-gebot als Integrationsinstrument – eine Herausforderung, die deutlicher nicht sein kann. Die Liebe zu sich selbst als Maßstab für die Liebe zum Fremden bedeutet ihn vor allem anzunehmen als ein Geschöpf Gottes, auch wenn er einer anderen Religion angehört, dessen Menschenwürde selbstverständlich zu achten ist. Zur Selbstliebe gehört, dass ich mich annehme mit meinen Möglichkeiten und Grenzen, mit meinen liebenswerten und weniger liebenswerten Seiten, dass ich offen bin, bereit, mich zu verändern, dass ich für mich sorge, verantwortlich mit mir umgehe.

Den Fremden zu lieben, bedeutet, Kontakt aufzunehmen, in Beziehung zu treten, zu erfahren, woran ihr Herz hängt, was sein Herz schwermacht, dafür Sorge zu tragen, dass sie das erhält, was sie zum Leben braucht. Unsere Liebe zu uns selbst und zum Nächsten erwächst aus der Liebe Gottes zu uns. Unsere Beziehung zu Gott ist nicht konfliktfrei, wie Auseinandersetzungen zu jeder lebendigen Beziehung gehören. Wir sind keine perfekten Christinnen und Christen, machen Fehler, kommen auf Abwege oder sind ratlos, gar resigniert, weil unsere Welt irgendwie aus den Fugen gerät, persönlich oder politisch. Das Evangelium, unser Gespräch mit Gott, allein oder zusammen mit anderen, ermutigt uns immer wieder neu zum Streiten für Gerechtigkeit und Frieden, zum Eintreten für die Menschenwürde weltweit.

So gehört zur Liebe zum Fremdling unbedingt, wenn notwendig, auch das Ziehen von Grenzen. Wenn er oder sie aus ihrer Religion eine Ideologie machen, ihren Gott dazu missbrauchen, politische Interessen durchzusetzen, Menschen mit Gewalt zu bekehren, Menschen zu entführen, Frauen zu vergewaltigen, Attentate zu verüben, dann hat diese Liebe zur Folge, dass er oder sie erfährt, dass das mit unserem Verständnis von Menschenrechten, Religionsfreiheit, Miteinander einer Gesellschaft nicht zu vereinbaren ist und entsprechend geahndet wird.

Die Aufforderung an die Israeliten, den Fremdling zu lieben ist verbunden mit dem Erinnern an eigene Erfahrungen: Ihr wart doch selber Fremdlinge in Ägypten! Ihr wurdet zur Zwangsarbeit verpflichtet, brachten eure Frauen Söhne zur Welt, wurden diese getötet. Wie furchtbar habt Ihr unter der Situation gelitten. Wer, wenn nicht ihr, sollte verstehen, was es mit dem Fremdsein auf sich hat! Wer, wenn nicht ihr, sollte wissen, wie einem dann zumute ist. – Es sei denn – ihr schneidet diese Erinnerung, diese Erfahrung aus eurer Geschichte heraus, ignoriert sie, wollt damit nichts mehr  zu tun haben. Dann – ja, dann könnt ihr natürlich bedenkenlos eure eigenen Wege gehen, ohne Erinnerung daran, dass es einen Weg vom Fremdsein in die Gemeinschaft gibt, einen Weg aus der Knechtschaft in die Freiheit, einen Weg des Erbarmens mitten in einer gnadenlosen Welt. Das werdet ihr dann allerdings auch ohne mich tun müssen.

„Ich bin der Herr, euer Gott.“ Gott hat sein Volk aus der Knechtschaft in Ägypten befreit und damit vor aller Welt sichtbar gemacht, dass sein Reich ein anderes ist, das von der Liebe zu allen Menschen, gleich welcher Religion, getragen wird, dessen Eckpfeiler Gerechtigkeit, Menschenwürde und Barmherzigkeit sind. Auf seine Verwirklichung dürfen wir weiter hoffen. Und ab und zu oder immer wieder, wenn wir uns auf eine Beziehung zum Fremden einlassen, er uns immer weniger fremd und vielleicht sogar zum Freund wird, dann bekommen wir eine Ahnung von diesem besonderen Reich, zu dem wir gemeinsam unterwegs sind – jetzt und hier.  Amen.

 

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