23.03.2018 | „Wir erkennen Geschichte, indem uns fremdes Handeln zur Frage wird“

„Potsdamer Kirchen in der NS-Zeit“: Zum Gedenken an den „Tag von Potsdam“ gab es am 21. März in der Nagelkreuzkapelle Vorträge der Soziologin und Ethnologin Jeanette Toussaint und des Kirchenhistorikers Andreas Kitschke zum Thema „Potsdams Kirchen in der NS-Zeit“. Der Saal war voll.

Staatsakt in Potsdam 21.03.2018, Foto von Postkarte, Quelle: SGP

Jeannette Toussaint vor Publikum in der Nagelkreuzkapelle Potsdam am 21.03.2018, Foto: SGP

Am Tisch v. l. n. r.: Jeanette Toussent, Pfrn. Cornelia Radke-_Engst, Andreas Kitschke, Foto: SGP

„Potsdamer Kirchen in der NS-Zeit“: Zum Gedenken an den „Tag von Potsdam“ gab es am 21. März in der Nagelkreuzkapelle Vorträge der Soziologin und Ethnologin Jeanette Toussaint und des Kirchenhistorikers Andreas Kitschke zum Thema „Potsdams Kirchen in der NS-Zeit“. Der Saal war voll.

Auch kritische Begleitende des Wiederaufbau-Projekts nutzen die Gelegenheit, sich zu informieren. Rasch wurde ein weiteres Mal deutlich: Auch die Garnisonkirche Potsdam hat sich der NS-Diktatur angedient. Nur wenige Pfarrer und Gemeindeglieder haben sich dem Unrecht entgegengestellt. Auch in den Kirchen erforderte ein tatsächlich christliches, nächstenliebendes Tun gewissermaßen Heldentum, während die systematische Gehirnwäsche der Nazis Mitläufer, Wegducker und Kriegsgeschrei produzierte sowie den Antisemitismus zur Staatsdoktrin machte. Die große Mehrheit der deutschen Protestanten – so auch in der Garnisonkirche - stellte sich nicht gegen Adolf Hitler.

Jeanette Toussaint, eine Potsdamer Ethnologin und Theologin, die u. a. schwerpunktmäßig zum „Dritten Reich“ forscht, kritisierte gleich zu Beginn des Abends die Darstellung auf dieser Webseite www.garnisonkirche-potsdam.de. Es fehlten Daten und entstehe der Eindruck, dass die NS-treuen „Deutschen Christen“ in der Garnisonkirche weniger zahlreich vertreten wären als anderswo, wovon aber keine Rede sein könne: Bei den Kirchenwahlen am 23. Juli 1933 wählte die Garnisonkirchengemeinde mit 280 Stimmen für die "Deutschen Christen", 217 Stimmen entfielen auf "Evangelium und Kirche", die Vorgängerorganisation der 1934 gegründeten "Bekennenden Kirche". Die Gemeinde entsandte 14 „Deutsche Christen“ und zehn Vertretende von "Evangelium und Kirche" in die Gremien. Von den Gemeindeältesten und - Vertretern der Garnisonkirche hatten fünf „Deutsche Christen“ drei Mitgliedern von "Evangelium und Kirche" gegenübergestanden.

Martin Vogel, Theologischer Vorstand der Stiftung Garnisonkirche Potsdam, verwies darauf, dass zurzeit im Auftrag der Stiftung ein Historiker den aktuellen Forschungsstand zur Geschichte der Garnisonkirche 1918 bis 1945 für die Wissensplattform der Webseite aufbereitet und mit Anschauungsmaterial versieht, so dass auf der Webseite voraussichtlich im Sommer der aktuelle Forschungsstand einsehbar sein werde.An der Garnisonkirche habe es laut Toussaint nach derzeitiger Quellenlage in der Gemeinde zwei bis drei Mitglieder der Bekennenden Kirche gegeben (in ganz Potsdam waren es demnach 2007 Mitglieder). Zwei Pfarrer der Garnisonkirche hätten der Bekennenden Kirche angehört, die die staatliche Vereinnahmung der Kirche ablehnte.

Die historisch konsistente Darstellung dieser in Einzelfacetten erkennbaren Zusammenhänge sieht die Stiftung als Aufgabe an, der sie sich stellen will.
In der Garnisonkirche gab es in der NS-Zeit etliche Fahnenweihen, u. a. durch den Divisionspfarrer und Nationalsozialisten Pfarrer Werner Schütz, der von 1935 bis 1937 an der Garnisonkirche predigte und 1938 über „Soldatentum und Christentum“ publizierte.

Die Gleichschaltung der Ev. Kirche und damit auch der Garnisonkirche Potsdam begann gleich nach der Machtübernahme. 1934 spalteten sich die Christen in „Deutsche Christen“, sogenannte „Neutrale“ und „Bekennende Kirche“. Doch auch letztere sei kein Hort des Widerstands gewesen, betonte Toussaint. Man habe etwa gleichzeitig Mitglied der NSDAP und der Bekennenden Kirche sein können, wie es z. B. der Bielefelder Pfarrer Wilhelm Niemöller (Bruder von Martin Niemöller) handhabte. Von der Judenverfolgung und -vernichtung habe sich die Bekennende Kirche bis 1943 nicht distanziert, sondern den einzelnen Mitgliedern überlassen, wie sie sich verfolgten Juden gegenüber verhielten.

Der Kirchenhistoriker Andreas Kitschke berichtete u. a. von den Pfarrern Johannes Döhring und Rudolf Damrath, die ab 1937 an der Garnisonkirche amtierten und dort Fahnenweihen durchführten. Die Fürbitten beschlossen sie nach Angaben des Historiker Matthias Grünzig, der sich im Publikum befand, regelmäßig mit einer Fürbitte für Hitler. Auch in Potsdam hätten nur wenige Pfarrer während der NS-Zeit ihre Unabhängigkeit bewahrt, darunter Günther Brandt, 1939 bis 1945 Bekenntnispfarrer der Pfingstkirche. Toussaint zitierte ihn mit der Feststellung, dass ihm in Folge der fehlenden Solidarisierung der Bekennenden Kirche mit ihren jüdischen Schwestern und Brüdern nur noch die Rolle als „Barmherziger Samariter“ bleibe – dass man als einzelner aber nicht effektiv gegen die Judenverfolgung vorgehen könne.

Pfarrer Rudolf Damrath hat sich nach Aussage einer seiner Töchter, Maria Luise Damrath, die im Publikum anwesend war, vom Befürworter Hitlers zum Unterstützer des Widerstands rund um den 20. Juli gewandelt. „Carl-Heinrich Rudolf Wilhelm von Stülpnagel, einer der Attentäter, hatte Damrath in Paris angefordert“, ergänzte Pfarrerin Cornelia Radeke-Engst, die die Veranstaltung initiiert hat. „Die Amerikaner nahmen ihn in Kriegsgefangenschaft, um ihn vor der Gestapo zu schützen.“

Kitschke resümierte, dass nicht zuletzt angesichts solch ambivalenter Biografien, wie sie kennzeichnend für Diktaturen sind, Schuldzuweisungen wenig brächten – denn wer weiß, wie er sich selbst verhalten hätte in einer Diktatur? Es gelte, die Ursachen von Irrtum und Fehlerhalten zu erforschen, um daraus Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. „Wir erkennen Geschichte, indem uns ein fremdes Handeln zur Frage wird, auf die unser eigenes Handeln Antwort zu geben hat“, ergänzt, den reformierten Theologen Karl Barth zitierend, Radeke-Engst.

„Die Stiftung arbeitet daran, die Konzeption der inhaltlichen Arbeit zu schärfen, um insbesondere diese Fragen fundiert zu stellen“, sagte Wieland Eschenburg, Kommunikationsvorstand der Stiftung, am Rande der Veranstaltung mit Bezug auf das Motto des Wiederaufbaus „Geschichte erinnern – Verantwortung lernen – Versöhnung leben“. Auch der heutige Abend zeige: „Für die Auseinandersetzung darüber ist die Garnisonkirche geeignet wie kaum ein anderer Ort.“

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