09.10.2017 | "Viele fühlen sich nicht wahrgenommen" - EKD-Bevollmächtigter predigt in der Nagelkreuzkapelle Potsdam

Hilflosigkeit und Angst bestimmen zunehmend das Klima in Teilen unserer Gesellschaft. Das sagte der Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, Dr. Martin Dutzmann (Berlin), im Gottesdienst der Nagelkreuzkapelle am ehemaligen Standort der Potsdamer Garnisonkirche.

„Viele fühlen sich von den Politikerinnen und Politikern nicht wahrgenommen und sehen ihre Belange nicht vertreten“, sagte Prälat Dutzmann. Es herrsche Angst, die eigene Identität zu verlieren und das Gefühl, die Eliten machten sowieso was sie wollten. Als Ausdruck von Hilflosigkeit hätten deshalb viele Wählerinnen und Wähler statt eines politischen Programms den Protest gewählt. Andere seien auf die Straße gegangen, weil sie Angst haben, ihren Lebensstandard nicht halten zu können. 

Dutzmann ging dabei auf den Glauben ein: „Wir schwanken zwischen Hoffnung und Glauben, auch, wenn wir Christen sind, aber Glauben heißt, sich in seiner Not, Gott in die Arme zu werfen“, führte der Kirchenvertreter in seiner Predigt aus. 

Glaube und Unglaube hätten in der Geschichte der Hof- und Garnisonkirche in Potsdam immer nahe zusammen gelegen. Das biblische „Ich glaube - hilf meinem Unglauben“ sei ein Merkmal für Kirchenführer und Gläubige, die hier in der Kirche gesungen und gebetet hätten. Den Besuchern des künftig wiederaufgebauten Turmes der Garnisonkirche solle das im Gebäude vor Augen geführt werden: Der Tag von Potsdam am 21. März 1933, der Widerstand am 20. Juli 1944 und die mutwillige Zerstörung des Gebäudes 1968. Die Ereignisse zeigten, dass Menschen sich heute in ihrem Urteil vor Schwarz-Weiß-Malerei und zu einfachen Bildern hüten müssten. Wer genau hinschaue, meide Pauschalurteile und gehe damit den ersten Schritt zum Frieden.

Nagelkreuzpfarrerin Cornelia Radeke-Engst hatte schon zu Beginn Dutzmann als Kuratoriumsmitglied der Stiftung Garnisonkirche willkommen geheißen und gemeinsam die Liturgie mit ihm und der Ehrenamtlichen Katrin Schulze gestaltet, musikalisch unter Gitarrenbegleitung von Brigitte Breitkreuz.

 

Kirchendiplomat in Berlin und Brüssel

Nach dem Sonntagsauftakt-Gottesdienst stellte Dutzmann der Nagelkreuzgemeinde seine Arbeit als „Kirchendiplomat“ bei der Bundesregierung und der EU in Brüssel vor: „Es geht um Kirche sein im bundespolitischen Berlin“, so der Prälat. Im Reichstagsgebäude gebe es einen eigenen Andachtsraum in zentraler Lage, den der Staat zur Verfügung stelle, um allen Glaubensgemeinschaften zu signalisieren: Entfaltet euch und tragt zum Leben dieser Gesellschaft bei. Viele Abgeordnete seien religiös gebunden und nutzten die Andachten. Es sei aber noch nicht absehbar, ob das im wesentlich größeren neu gewählten Parlament auch so bleibe. Seelsorge an den Volksvertretern gehöre zentral zu seinen Aufgaben. Kontakte und Gespräche ermöglichten es ihm, die Position der Kirche deutlich zu machen. Auf die Frage, ob er ein Lobbyist der EKD sei, antworte er: „Ja, Einflussnahme im Interesse von Menschen, deren Stimme nicht genug gehört wird.“ Zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik und bei der Verschärfung des Asylrechts: „Wir achten auf die theologische Unterscheidung von Leben und Werk eines Menschen“, sagte er zu Abschiebungen von hier straffällig gewordenen Asylsuchenden  in lebensgefährdende Länder wie Afghanistan.

 

Zur Information: Prälat Dr. Martin Dutzmann ist Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union. Er gehört dem Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche an, zu dem auch der Vorsitzende  Professor Dr. Dr. Wolfgang Huber, die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Dr. Irmgard Schwaetzer und weitere Personen des öffentlichen und kirchlichen Lebens zählen.

 

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